CORALIE HOBSON

21. Jänner 1891 - 04. Dezember 1946

 

Schriftstellerin

 

 

Coralie Hobson, auch "Coralie Jeyes von Werner" oder "Coralie von Werner Hobson", schrieb Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke; ab 1928 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym "Sarah Salt".

 

Coralie Jeyes von Werner, wurde 1891 in Chatham / Kent geboren und verbrachte nach dem frühen Tod des Vaters ihre Kindheit bei den Großeltern; sie war sehr musikalisch und wollte, nachdem sie mit vierzehn die Schule verlassen hatte, Pianistin werden. Da sie kein Geld für eine Ausbildung hatte, schloss sie sich einer drittklassigen Theatergruppe an - ihre frustrierenden Erfahrungen versuchte sie in ihrem ersten Roman "The Revolt of Youth" zu verarbeiten.

1914 heiratete sie Harold Hobson (1891–1974) und bekam zwei Kinder: Sarah Elizabeth und Timothy John ("Who's who in Commerce and Industry", Band 6, 1948, S.705).

Harold Hobson war der Sohn der in New York geborenen Schriftstellerin Florence Edgar Hobson und des bekannten Journalisten und Sozialökonomen John Atkinson Hobson; Harold, Absolvent der Ingenieurwissenschaft am King's College, war hochgewachsen, männlich, redegewandt, extrovertiert. Er gehörte als Jugendlicher zu einer Gruppe, die für Freiheit und Spontanität eintrat, anti-intellektuell war und von Virginia Woolf die Neo-Pagans genannt wurde; zu den oft wechselnden Mitgliedern gehörten u. a. Godwin Baynes, Rupert Brooke, Ka Cox, Gwen Darwin (später Raverat), Frances Darwin (später Cornford), David ‘Bunny’ Garnett, die Olivier Schwestern Margery, Bryn, Daphne und Noel, Jacques Raverat und Gerald Shove. Mit David Garnett, seinem besten Freund, unternahm er im August 1912 gemeinsam mit D. H. Lawrence und seiner Gefährtin Frieda Richthofen eine Wanderung in den Alpen: Lawrence schätzte ihn - zumindest anfänglich - wegen seiner kompromisslosen Ehrlichkeit; allerdings trennten sich bald ihre Wege, nachdem Harold und Frieda sich in einem Heuschober ihrer Leidenschaft hingegeben hatten. D. H. Lawrence verarbeitete diese "Episode" in "Mr. Noon" und beschrieb Stanley (=Harold) als gut aussehend, mit großen, dunklen Augen, einem anziehenden, hageren Gesicht, von zwangloser Eleganz, der Johanna (=Frieda) schmachtend ansah. (Mr. Noon, S. 376)

Hobson war von 1919 bis 1925 Ingenieur bei Merz & McLellan, war am Aufbau des Stromnetzes in Großbritannien beteiligt und war danach erfolgreich in leitenden Stellungen innerhalb der Elektrizitätswirtschaft tätig.

Coralie Hobsons Schwiegervater John Atkinson Hobson stand den Fabians nahe und beeinflusste Margaret Cole mit seinen Ideen; er gehörte zu den liberalen Intellektuellen, die nach dem Ersten Weltkrieg zur Labour Party wechselten, arbeitete u. a. für The Nation und wurde ein Freund Leonard Woolfs, der 1922 ebenfalls für die Zeitung zu arbeiten begann. Hobson veröffentlichte 1926 den Essay "Notes on Law and Order" und 1932 "From Capitalism to Socialism" in der Hogarth Press. Leonard Woolf schätzte ihn als Britanniens führenden Theoretiker des Anti-Kolonialismus.

Außer den Eckdaten ist nur wenig zu Coralie Hobsons Leben zu finden; auf jeden Fall hatte sie gute Beziehungen zu den Medien, die ihre Texte veröffentlichten und rezensierten:

Edward Garnett, bekannten Literaturkritiker und Herausgeber, Vater des besten Freundes ihres Mannes, war gut vernetzt in der Verlagsbranche, er war mit Thomas Werner Laurie befreundet, in dessen Verlag ihr erster Roman "The Revolt of Youth" erschien; Lauries Mutter war die in Köln geborene Julia Werner. Ob und wie Coralie von Werner Hobson mit ihm verwandt war, konnte nicht festgestellt werden. David Garnett hatte in den 1920-er Jahren gemeinsam mit Francis Birrell eine Buchhandlung in London; ihr Schwager Edward Taylor Scott, mit Harold Hobsons Schwester Mabel verheiratet, war Herausgeber des Manchester Guardian.

1924 wohnte Coralie Hobson in Bloomsbury (56 Cartwright Gardens), im Katalog für Copyright-Eintragungen für das Jahr 1930 findet man Coralie Hobson / Sarah Salt mit der Londoner Adresse: 45 Mecklenburgh Square - eine prominente Adresse: 1917 lebten sowohl D. H. Lawrence als auch Hilda Doolittle in Nr. 44, Leonard und Virginia Woolf und die Hogarth Press bewohnten ein Jahr Nr. 37 bis das Haus 1940 zerbombt wurde. Eine weitere Adresse der Hobsons war The Pastures, Hilton, Cambridgeshire, nahe dem Wohnsitz von David Garnett, Hilton Hall, der ein Treffpunkt von Intellektuellen, KünstlerInnen und Schreibenden war.

 

Coralie Hobson schrieb Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke; bis 1926 veröffentlichte sie unter ihrem Ehenamen, danach unter dem Pseudonym Sarah Salt. Zu ihrer Zeit erhielt sie durchaus positive Kritiken, heute ist sie eher unbekannt. Einige ihrer Romane wurden dramatisiert und aufgeführt: so "Sense and Sensuality" 1931 im Dubliner Players' Theatre und "Strange Combat" 1934 im Dubliner Gate Theatre. Das Times Magazin (27. Jänner 1930) verglich sie mit dem - heute vergessenen - Autor Leonard Merrick (1864–1939), dessen Gesamtwerk zwischen 1918 und 1922 auf Betreiben von fünfzehn Autoren, darunter H. G. Wells, J. M. Barrie und G. K. Chesterton, in fünfzehn Bänden erschien.

Coralie Hobsons erster Roman "The Revolt of Youth" erschien 1919 und ist Edward Garnett gewidmet; obwohl in der Presse besprochen und von Garnett unterstützt, war der Roman kein Erfolg: das Buch stand seit seinem Erscheinen in der London Library und wurde bis 2010 kein einziges Mal entlehnt. Es beschreibt die Entwicklung eine Tochter aus gutem Hause, die sich einer Theatergruppe anschließt, scheitert, in eine Ehe flüchtet, und schließlich, geprägt durch die Höhen und Tiefen ihrer Erfahrungen, zu einer konventionellen aber auch emanzipierten Frau wird.

1924 erschien in der Hogarth Press "In Our Town" in einer Auflage von 1000 Stück; Coralie Hobson beteiligte sich an den Herstellungskosten mit 50 Pfund. In sechs Kapiteln (Husband and Wife / The Tinsley-Woods / Autumn / The Dramatist / Progress / The Mistress) zeichnete sie ein komplettes Bild der wohlhabenden Gesellschaft in einer Industriestadt, von Menschen, die alles andere als liebenswürdig sind, auch nicht sehr moralisch - der Prozentsatz von ehelichen Seitensprüngen ist nicht unerheblich. Das 134 Seiten starke Buch war in blau, gelb und rot gemusterten Karton gebunden, hatte einen Leinenrücken mit weißem, schwarz bedruckten Schildchen und einen weißen Schutzumschlag, ebenfalls schwarz bedruckt. Das Buch war nicht sehr erfolgreich, bis Jänner 1928 wurden lediglich 201 Exemplare verkauft, der Rest dürfte eingestampft worden sein. Der Band gehörte zu den ersten drei Romanen der Hogarth Press, die nicht von Virginia Woolf waren: F. M. Mayors "The Rector’s Daughter" und Coralie Hobsons "In Our Town" erschienen im Mai 1924, Vita Sackville-Wests "Seducers in Ecuador" im Oktober 1924.

"Bed and Breakfast", mit Illustrationen im Art Deco Stil von Pearl Binder, schildert das Leben der Boheme und die Gesellschaft der Reichen in Bloomsbury zwischen den Weltkriegen. The American Mercury (November 1920) findet das in Form eines Tagebuchs geschriebene Buch extrem langweilig, die Charaktere pseudointellektuell, theatralisch und banal. Die Illustrationen gehörten zu den ersten Werken von Pearl Binder und waren der Beginn ihrer eindrucksvollen Karriere als Illustratorin, Lithographin, Bildhauerin und Kinderbuchautorin.

Ab 1928 veröffentlichte Coralie Hobson ihre Texte unter dem Namen Sarah Salt. Es erschien der Band "A Tiny Seed of Love and Other Stories" im Verlag von Victor Gollancz, der auch ihre folgenden Bücher veröffentlichte. Die acht Kurzgeschichten - L'amour à désespérer / A Tiny Seed of Love / Diary of a Neurotic Woman / Blackmail / This Lttle Piggie Went to Market / The Thief / Willie / The Baby - wurden von The Outlook (Mai 1929) mit den Kurzgeschichten von Katherine Mansfield verglichen und für ihren skurrilen, ironischen, traurigen, einfachen und gescheiten Stil gelobt. The Saturday Review of Literature (27. April 1929) sah ebenfalls eine Ähnlichkeit, meinte aber, dass der Autorin Mansfields Begabung, das Leben genau zu beobachten, fehle, dass sie etwas albern und eintönig schreibe, dass man aber für die Zukunft durchaus eine bessere Leistung erwarten könnte.

"Sense and Sensuality" (1929) mit der Widmung "With love to A. H. M." erhielt unterschiedliche Kritiken: während The Outlook (14. August 1929) das Buch - neben dem schlecht gewählten Titel - für eine reißerische Geschichte über die Nachkriegsjugend in London hält, deren Stil schroff und unzusammenhängend ist, findet The Bookman (Oktober 1929) den Roman über das Leben eines aufstrebenden jungen Verlegers und seiner Frau originell im Aufbau, pointiert und begabt im Stil und auf jeden Fall lesenswert.

Der Roman "Joy is my Name", die Geschichte einer nicht sehr begabten Schauspielerin und ihre desillusionierenden Erfahrungen in einer Wandertheatergruppe, dürfte autobiografische Züge haben; nach Meinung von The Outlook (29. Jänner 1930) wurde leider eine Kurzgeschichte auf Romanlänge erweitert, die realistischen Dialoge, die nüchterne Betrachtung und der knappe Stil machten das Buch aber gut lesbar. The Bookman (März 1930) fand, dass die Gefühle in dem Roman zu streng kontrolliert dargestellt wurden. Für Beatrice Kean Seymour vom Women’s Journal war der Roman realistisch und wahrheitsgetreu. Am Tag vor dem Erscheinen des Romans war Sarah Salt Gast bei einem Verlagsempfang im Savoy Plaza, New York.

In den nächsten Romanen "Strange Combat" (1930) waren die handelnden Personen schwache und nutzlose Menschen - auf bedrückende, schonungslose aber auch gefühlvolle Weise beschrieben (Saturday Review, April 4, 1934, p. 715) und in "The Wife" (1932) Menschen, die das Leben als lustlos und vertan empfanden und sich aus Bequemlichkeit nicht einmal aufraffen konnten, Glück zu empfinden (The Spectator, 30 Januar 1932, Page 23).

Coralie Hobsons letzter Roman "Change Partners" kam 1935 auf die Liste der in Irland verbotenen Bücher und blieb auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg in Irland verboten.

"Murder for Love" enthält zwei Erzählungen "God Has Had Pity" und "Murder for Love"; der Band wurde von dem Amerikaner Frederic Dorr Steele illustriert, der als Illustrator von Conan Doyles Sherlock Holmes Romanen bekannt wurde.

Neben ihren Kurzgeschichten und Romanen schrieb Coralie Hobson 1930 auch die Komödie in drei Akten "Husbands and Wive" und - gemeinsam mit Peter Samuel Ridgway - eine Dramatisierung ihres Romans "Joy is my Name", beide Stücke blieben unpubliziert. Darüber hinaus veröffentlichte sie Kurzgeschichten u. a. in The New Coterie und im Manchester Guardian.

 

links: "Sarah Salt" (Foto: Bassano), Oktober 1934 /

rechts: Coralie Hobson und Pearl Binder, Karikatur aus: "Bed and Breakfast", 1926


Ab 1928 veröffentlichte Coralie Hobson unter dem Pseudonym Sarah Salt im Verlag von Victor Gollancz, London. Gollancz, Sozialdemokrat, Kämpfer für die Menschenrechte und gegen den Antisemitismus, hatte den Verlag 1927 gegründet; u. a. publizierte er die Erstlingswerke von George Orwell, Daphne du Maurier und Kingsley Amis. 1936 gründete er den "Left Book Club", um mit preiswerten Publikationen eine breite LeserInnenschaft erreichen zu können.


Coralie Hobson / Sarah Salt - Veröffentlichungen (Auswahl):

Coralie Hobson:

The Revolt of Youth. T. Werner Laurie, 1919 / digitalisiert: babel.hathitrust.org

In Our Town. Hogarth Press, London 1924

Bed and Breakfast. With 55 Illustrations by Pearl Binder. John Lane, London 1926 / The Bodley Head 1926 / Boni & Liveright, New York 1927

Sarah Salt:

A Tiny Seed of Love and Other Stories. Victor Gollancz, London 1928 / Payson and Clarke, New York 1929

Sense and Sensuality. Victor Gollancz, London 1929 / Payson & Clarke, New York 1929

Joy is my Name. Victor Gollancz, London 1929 / Payson & Clarke, New York 1930

Strange Combat. Victor Gollancz, London 1930

The Wife. Victor Gollancz, London 1932

Change Partners. Victor Gollancz, London 1934

Murder for Love. Illustrations by Frederic Dorr Steele. Peter Davies, London 1937


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer / Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

J. H. Willis, Jr.: Leonard and Virginia Wolf as Publishers. The Hogarth Press 1917–1941. University Press of Virginia. Charlottesville and London, 1992

Helen Southworth (Ed.): Leonard & Virginia Woolf. The Hogarth Press and the Network of Modernism. Edinburgh University Press 2012

Leonard Woolf: Downhill all the Way. An Autobiography of the Years 1919 to 1939. Hogarth Press, London 1967

Sarah Knights: Bloomsbury's Outsider. A Life of David Garnett. Bloomsbury Reader, London 2015

PDF: Kristin Czarnecki / Carrie Rohman (Ed.): Virginia Woolf and the Natural World. Selected Papers from the Twentieth Annual International Conference on Virginia Woolf. Georgetown College, Georgetown, Kentucky 2010

Janet Byrne: A Genius for Living. A Biography of Frieda Lawrence. Harper Collins, 1995

Michael Squires: Living at the Edge. A Biography of D. H. Lawrence and Frieda von Richthofen. University of Wisconsin Press, 2002

D. H. Lawrence: Mr. Noon. Autobiographischer Roman. Diogenes Verlag, Zürich 1993

The Publishers' Circular and Booksellers' Record, Vol. 111, July-Dec. 1919 / google book search

Catalog of Copyright Entries, Part 1, Group 3: Dramatic Compositions and Motion Pictures, Vol. 3 for the Year 1930, Library of Congress, Washington 1931

The Best British Short Stories of 1927. archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.220747/2015.220747.The-Best_djvu.txt

List of the Books Prohibited and the Register of Prohibited Periodical Publications. Irish Free State. Department of Justice 1935 / google book search

J. P. Wearing: The London Stage 1930–1939: A Calendar of Productions, Performers, and Personnel. Rowman & Littlefield, 2014

en.wikipedia.org/wiki/Leonard_Merrick

furrowedmiddlebrow.blogspot.co.at/2013/01/british-women-writers-of-fiction-1910_42.html

www.crimefictioniv.com/Part_7A.html

www.modernistarchives.com/person/coralie-hobson

issuu.com/thelondonlibrary/docs/issue_10

www.gutenberg.org/files/45116/45116-8.txt / The London Mercury, Vol. I, Nos. 1-6, November 1919 to April 1920

Pearl Binder: www.abitofhistory.net/html/rhw/body_files/b_body.htm

www.unz.org

 

Bildnachweis:

Sarah Salt, October 1934: by Bassano Ltd., NPG x84694,

@ National Portrait Gallery, London