ELEANOR FLORENCE RATHBONE

12. Mai 1872 – 2. Jänner 1946

 

Schriftstellerin, Sozialreformerin, Politikerin, Frauenrechtlerin

 

 

Eleanor Florence Rathbone stammte aus einer wohlhabenden, einflussreichen Liverpooler Familie; ihr Vater, William Rathbone VI, war erfolgreicher Geschäftsmann und viele Jahre liberaler Abgeordneter im House of Commons, ihre Mutter, Emily Acheson Lyle, war die Tochter eines Lord Lieutenants von Londonderry und unterstützte ihren Mann in seinem humanitären Engagement; so beteiligten sich beide an der Gründung einer Krankenpflegeschule in Liverpool und initiierten eine ambulante Pflegeeinrichtung für den Bezirk. Sitz der Familie war seit Ende des 18. Jahrhunderts Greenbank House in Liverpool, während der Parlamentszeiten wohnte man aber in London, 14 Princess Gardens.

Eleanor wuchs in einer großen Familie auf, sie hatte eine Schwester und vier Brüder und aus der ersten Ehe ihres Vaters eine Stiefschwester und vier Stiefbrüder. Sie wurde zu Hause von Gouvernanten und Privatlehrern erzogen, besuchte die Kensington Girl’s School, studierte privat Griechisch bei Janet Case - spätere Lehrerin und Freundin von Virginia Woolf - und begann 1893 am Somerville College in Oxford mit dem Studium der klassischen Altertumswissenschaften. Während des Studiums beteiligte sie sich am Kampf um das Frauenwahlrecht und gehörte zu einer sich wöchentlich treffenden Diskussionsgruppe, den APs (Associated Prigs), in der über soziale Themen diskutiert wurde; zur Gruppe gehörten auch u. a. Edith Mary Deverell, Margery Fry und Hilda Oakeley, Frauen, die nach dem Studium eine politische bzw. universitäre Berufslaufbahn einschlugen: Deverell als Pägagogin, Fry als Friedensrichterin und Oakeley als Philosophin.

Nach dem Studienabschluss 1896 stand es Eleanor Rathbone frei, ihr Leben zu gestalten; durch die Eltern finanziell abgesichert und dadurch unabhängig, begann sie Sozialstudien zu betreiben, wurde Mitarbeiterin am Women's Industrial Council in Liverpool und engagierte sich für höhere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen; sie beteiligte sich an der Gründung der Liverpool Women’s Suffrage Society und war im Vorstand der National Union of Women’s Suffrage Societies.

1902 befreundete sie sich mit der Schottin Elizabeth Macadam und und fand in ihr eine Lebenspartnerin. Macadam war die erste fest angestellte Leiterin von Victoria Women’s Settlement in Liverpool und rief eine Reihe von medizinischen und pädagogischen Serviceleistungen für Frauen und Kinder ins Leben. In der festen Überzeugung, dass Sozialarbeit ein Beruf und kein Zeitvertreib sei, entwickelte sie theoretische und praktische Trainingsprogramme, für die sie an der University of Liverpool einen Lehrauftrag bekam.

Eleanor Rathbone wurde 1909 als erste Frau in den Liverpooler Stadtrat gewählt und wurde auch erste Friedensrichterin von Lancashire. Als Stadträtin - eine Position, die sie trotz ihrer vielen anderen Engagements bis 1934 einnahm - konzentrierte sie sich vor allem auf die Verbesserung der Wohnverhältnisse. Sie trat für die Gründung einer Abteilung für Sozialkunde an der Liverpooler Universität ein, hielt Vorlesungen und war Mitglied des Universitätsrats.

Während des Ersten Weltkrieges arbeitete sie ehrenamtlich in der Soldier’s and Sailor’s Families Association, die sich zur Aufgabe machte, Frauen und Kinder zu unterstützen, sie engagierte sich im lokalen Kriegsrenten-Komitee, gründete ein Familienbeihilfe-Komitee, wurde Vorsitzende des Consultative Committee of Women’s Societies. Gemeinsam mit H. N. Brailsford, Made Royden, Kathleen Courtney, Emile Burns und Mary Stocks gründete sie eine Arbeitsgruppe, welche die Armut in Britannien untersuchen sollte. Sie schrieb zahlreiche Artikel und Berichte über Gelegenheits- und Hafenarbeit, über die Entlohnung von Frauen, über die technische Ausbildung für Frauen, über die Arbeitsbedingungen in Frauenberufen, über die Organisation von Witwenpensionen u. v. m.

Als 1919 Elizabeth Macadam die Koordination von Trainingsprogrammen am Joint Universities Council for Social Science in London angeboten bekam, wollte Eleanor Rathbone die Karriere ihrer Freundin nicht behindern und entschloss sich zur Übersiedlung nach London. Die beiden kauften ein Haus in Westminster (50 Romney Road), das die Basis für Rathbones weitere politische Karriere werden sollte. Mit ihrem Organisationstalent unterstützte Elizabeth Macadam die Kampagnen ihrer Freundin, so übernahm sie auch die Herausgabe der Veröffentlichungen, nachdem Rathbone Präsidentin der "National Union of Societies for Equal Citizenship" geworden war.

Mit dem Erscheinen ihres Buches "The Disinherited Family" (1924) fundierte Eleanor Rathbone ihren Ruf als wichtige Ökonomin und unermüdliche Kämpferin für eine Sozialreform.

1928 wurde Rathbone als unabhängiges Mitglied für die vereinigten britischen Universitäten in das Unterhaus gewählt; sie setzte sich für den Schutz der Frauen in den Kolonien ein, kämpfte insbesondere gegen die Beschneidung in Afrika und gegen das Mui-Tsa-System in Hongkong (Verkauf junger, armer Mädchen an reiche Familien) und forderte immer wieder von der Regierung eine Abschaffung dieser Missstände und Unterstützung der Frauen sowohl sozial als auch auf dem Gebiet der Ausbildung. Sie unterstützte die Frauenbewegung in Indien, ihren Kampf um das Verbot der Kinderheirat und schrieb das Buch "Child Marriage: The Indian Minotaur" (1934). Bei einer Reise nach Palästina informierte sie sich über die Stellung der jüdischen und arabischen Frauen und trat gegen die Zwangsheirat in diesem Land auf.

Im Oktober 1936 erschien in der Hogarth Press der Band "Our Freedom and Its Results by Five Women", in dem Eleanor Rathbone mit dem Beitrag "Changes in Public Life" vertreten war. Es ist anzunehmen, dass Virginia Woolf mit ihr und den anderen Autorinnen (Mary Agnes Hamilton, Allison Neilans, Erna Reiss und Ray Strachey) die einzelnen Beiträge diskutierte und besprach. In dem Buch werden die Ergebnisse des Frauenwahlrechtes analysiert und die Auswirkungen auf Bezahlung, auf öffentliche Ämter, auf Gesetze, auf das Gesellschaftsleben und die sexuelle Unterdrückung der Frau. Der 285 Seiten starke Band hatte eine Auflage von über 2500 Stück.

Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges fuhr Eleanor Rathbone im April 1937 mit Rachel Crowdy, Ellen Wilkinson und Katharine Stewart-Murray, Duchess of Atholl, im Rahmen einer Untersuchungskommission nach Madrid, Barcelona und Valencia und sah die Verwüstungen, die durch die Luftangriffe verursacht worden waren. Gemeinsam mit der Duchess of Atholl, Charlotte Haldane, J. B. Priestley und Ellen Wilkinson richtete sie das Dependents Aid Committee ein, welches Geld für die Familien von Männern sammelte, die der Internationalen Brigade angehörten. Später half sie bei der Gründung des National Joint Committee for Spanish Relief mit.

Als Pazifistin und absolute Gegnerin des Nazi-Regimes lehnte sie die Beschwichtigungspolitik der britischen Regierung ab und plädierte für eine Allianz mit der Sowjetunion; sie veröffentlichte das Buch "War Can Be Averted" (1937), in dem sie sich aus feministischer Sicht mit Faschismus und Krieg auseinandersetzt. Während des Zweiten Weltkrieges setzte sich Eleanor Rahtbone unermüdlich für Flüchtlinge ein und gründete gemeinsam mit Richard Grenfall ein Komitee für die Rettung von Flüchtlingen vor dem Nazi-Terror. Sie fuhr aber auch weiterhin fort, für die Familienbeihilfe zu kämpfen. Mit ihrem 1940 publizierten Buch "The Case for Family Allowances" schuf sie die Grundlage dafür, dass die Familienbeihilfe in die Politik der Labour Party aufgenommen wurde und schließlich 1945 zum Gesetz wurde. Obwohl dieser Erfolg ihre Lebensarbeit krönte, wurde er dadurch getrübt, dass die Beihilfe eher dem Vater als der Mutter ausbezahlt wurde und Eleanor Rathbone auf Grund dieser Tatsache kurz davor war, gegen das Gesetz zu stimmen. Drei Jahre nach ihrem Tod erschien unter dem Titel "Family Allowances" eine Neuauflage von "The Disinherited Family", erweitert mit einem Vorwort von Gilbert Murray, einem Epilog von Lord Beveridge und einem neuen Kapitel "The Family Allowances Movement 1927–1948" von Eva M. Hubback.

Eleanor Ratbone starb am 2. Jänner 1946 überraschend an einem Herzanfall in ihrem Haus 26 Hampstead Lane, Highgate, London. Sie vermachte den Großteil ihres Besitzes sozialen Einrichtungen. Ihre Lebensgefährtin Elizabeth Macadam starb zwei Jahre später.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Cheryl Law: Women. A Modern Political Dictionary. I. B. Tauris, London, New York 2000

Elizabeth L. Ewan, Sue Innes a. o.: The Biographical Dictionary of Scottish Women. From Earliest Times to 2004. Edinburgh University Press, 2006

Eleanor F. Rathbone in: orlando.cambridge.org/public/svPeople?person_id=rathel

spartacus-educational.com/PRrathboneE.htm

asenseofplaceblog.wordpress.com/2013/09/08/eleanor-rathbone-of-liverpool/

twl-calm.library.lse.ac.uk/CalmView/Record.aspx?src=CalmView.Persons&id=NA436&pos=1

libguides.liverpool.ac.uk/library/sca/rathbone/eleanorrathbone

www.liverpoolpicturebook.com Suche: Eleanor Rathbone

www.liverpoolpicturebook.com/2014/09/LiverpoolWorkhouseHospital.html

manuscriptsandmore.liv.ac.uk/?p=1395

 

Greenbank House, Liverpool

Greenbank House, der Familiensitz der Rathbones in Liverpool

Eleanor Florence Rathbone um 1910 /

mit Elizabeth Macadam 1937 /

 in den 1930-er Jahren



Eleanor Florence Rathbone - Veröffentlichungen (Auswahl):

Report of an Inquiry into the Conditions of Dock Labour at the Liverpool Docks. Northern Publishing, Liverpool 1904

William Rathbone. A Memoir. Macmillan, London 1905

Report on the Condition of Widows under the Poor Law in Liverpool. Women’s Industrial Council, Liverpool 1913

(with Maude Royden, Kathleen D’Olier Courtney, Emily Burns, Henry Noel Brailsford and Elinor Burns) Equal Pay and the Family. A Proposal for the National Endowment of Motherhood. Headley, London 1917

The Disinherited Family. A Plea for the Endowment of the Family. Edward Arnold, London 1924 / Falling Wall Press 1986

The Ethics and Economics of Family Endowment. Epworth Press, London 1927

Child Marriage: The Indian Minotaur. Allan & Unwin, London 1934

Changes in Public Life. In: Ray Strachey (Ed.): Our Freedom and Its Results by Five Women. Eleanor F. Rathbone, Erna Reiss, Ray Strachey, Allison Neilans, Mary Agnes Hamilton. Hogarth Press, London 1936

The Tragedy of Abyssinia: What Britain Feels and Thinks and Wants. 1936

War can be Averted: The Achievability of Collective Security. Victor Gollancz, London 1938

A Summary of the Refugee Problem. Taylor and Sons, London 1939

The Case for Family Allowances. Penguin Books, Harmondsworth 1940

Women in Dangerous Services. The Corwall Press, London 1940

Falsehoods and Facts about the Jews. Victor Gollancz, London 1944

Preface in: William Bayles: Seven were hanged. The Story of the anti-Nazi revolt of Munich students during the winter 1942. Victor Golancz, London 1945

Family Allowances. A New Edition of "The Disinherited Family" with a Foreword by Gilbert Murray, an Epilogue by Lord Beveridge and a new chapter on "The Family Allowances Movement 1927–1948 by Eva. M. Hubback. Allen and Unwin, London 1949

 

Veröffentlichungen über Eleanor Florence Rathbone (Auswahl):

Mary D. Stocks: Eleanor Rathbone. A Biography. Victor Gollancz, London 1949

Margaret B. Simey: Eleaonor Rathbone, 1872-1946. A Centenary Tribute. University of Liverpool, Liverpool 1974

Johanna Alberti: Eleanor Rathbone. Women of Ideas 2, Sage Pub., London 1996

Susan Pedersen: Eleanor Rathbone and the Politics of Conscience. Yale University Press, London 2004

Susan Cohen: Rescue the Perishing. Eleanor Rathbone and the Refugees. Vallentine Mitchell, 2010

 

Bildnachweis:

Greenbank House: rememberingeleanorrathbone.files.wordpress.com/2015/09/greenbank.jpg

Eleanor Florence Rathbone ca. 1910: University of Liverpool Library, RP XIV.3.96, manuscriptsandmore.liverpool.ac.uk/?p=1395
Eleanor Florence Rathbone und Elizabeth Macadam 1937: asenseofplace.com/2016/05/10/eleanor-rathbone-and-the-1918-club/
Eleanor Florence Rathbone in den 1930-er Jahren: by Unknown photographer, © National Portrait Gallery, London, www.npg.org.uk/collections/search/use-this-image.php?mkey=mw169993

Eleanor Florence Rathbone: by Elliott & Fry, © National Portrait Gallery, London, www.npg.org.uk/collections/search/use-this-image.php?mkey=mw102652