FREDEGOND SHOVE

März 1889 - 5. September 1949

 

Dichterin

 

 

Fredegond Shove, geb. Fredegond Cecily Maitland, war die Tochter von Florence Henrietta Fisher und Frederic William Maitland und wuchs in Cambridge auf. Ihre Mutter - eine Cousine Virginia Woolfs -, war eine lebhafte, überaus tierliebende Frau - Hunde, Katzen, Äffchen und mehr bevölkerten das Haus; sie schrieb Theaterstücke, die aber erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Ihr Vater war Historiker, Jurist und Begründer der modernen englischen Rechtsgeschichte; er war Anwalt in London und lehrte ab 1884 Englisches Recht an der Universität Cambridge. Darüber hinaus schrieb er eine Biografie über Virginia Woolfs Vater Leslie Stephen, mit dem er befreundet war. Seine Begeisterung für die Angelsachsen dürfte ausschlaggebend gewesen sein für die Namenauswahl seiner Töchter - Ermengard und Fredegond.

Wie es in der englischen Oberschicht üblich war, wurden Fredegond und ihre ältere Schwester Ermengard von Hauslehrern und Tutoren privat unterrichtet. Wegen der Tuberkulose Erkrankung ihres Vaters verbrachten sie ab 1898 die Wintermonate bis April auf den Kanarischen Inseln, danach einige Monate in Cambridge und die Sommermonate in Brookthorpe/Gloucestershire, wo ihr Vater in jungen Jahren ein Anwesen geerbt hatte, das ihn finanziell unabhängig machte. Im August 1897 trafen Fredegond und Ermengard die junge Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa, die im benachbarten Painswick in The Old Vicarage Urlaub machten und durch ihre Schönheit beeindruckten: "ihr wart so schön, dass sich sogar die Hunde auf der Straße nach euch umgedreht hatten", schrieb Fredegond Shove einige Jahre später an Vanessa Bell.

1906 starb der Vater in Las Palmas, die Mutter heiratete 1913 Sir Francis Darwin und lebte mit ihm in Brookthorpe; durch diese Heirat wurde Darwins Tochter, Frances Crofts Cornford zur Stiefschwester von Fredegond und Ermengard Maitland; nach dem Tod der Mutter 1920 erbte Ermengard (The Lady of the Manor) das Colliers genannte Gut, züchtete Rinder, spielte Kontrabass und schrieb Erinnerungen an ihren Vater "aus der Sicht eines Kindes".

Von 1910 bis 1913 studierte Fredegond am Newnham College Englische Literatur, legte aber keine Abschlussprüfung ab. Zu ihrem Freundeskreis zählten Dorothy Brett, Dora Carrington, Gwen Raverat und Barbara Hiles Bagenal; sie war eng mit Alix Sargent Florence befreundet, die ebenfalls in Newnham studierte, gehörte im weiteren Sinn zur Bloomsbury Group und stand im regelmäßigen Briefkontakt mit Vanessa Bell und Virginia Woolf. Sie verbrachte viel Zeit in London, wo sie bei ihren Verwandten Ralph und Adeline Vaughan Williams wohnte.

Im September 1915 heiratete Fredegond den sozialistischen und pazifistischen Wirtschaftswissenschaftler Gerald Frank Shove, den sie kurz vor Ausbruch des Krieges bei Ka Cox kennen gelernt hatte. Er war seit Studienzeiten mit Rupert Brooke, Lytton Strachey und James Strachey befreundet und gehörte - so wie Fredegonds Vater - den Cambridger Aposteln an. Als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen arbeitete er auf Philip und Ottoline Morrells Gutsbetrieb in Garsington und bewohnte mit Fredegond ein Cottage auf dem Farmgelände; Lady Ottloline kritisierte zwar ihr schlampiges Aussehen, sprach aber sonst in höchsten Tönen von Fredegond: bezaubernd, sensibel, fantasievoll, geistreich, zerbrechlich, mit grauen Augen, die in ihrer eigenen Welt versunken waren.

Die Morells ermöglichten nicht nur Kriegsdienstverweigerern Arbeit auf dem Gut sondern stellten ihr Heim regelmäßigen Besuchern wie Clive Bell, Dorothy Brett, Dora Carrington, Mark Gertler, Aldous Huxley, D. H. Lawrence, Katharine Mansfield u. a. zur Verfügung.

Während Gerald in Garsington arbeitete, hielt sich Fredegond des öfteren in London auf; sie wohnte in einem Hotel, ihre Freundin Alix Sargent Florence übernachtete meist im 1917er Club in Soho: die beiden überlegten sich, einen gemeinsamen Haushalt zu gründen, konnten sich aber nicht aufraffen, Entscheidendes dafür zu unternehmen. Alix Sargent Florence mietete schließlich gemeinsam mit James Strachey, den sie 1918 heiratete, das Haus 41 Gordon Street und lebte dort bis 1956; in unmittelbarer Umgebung wohnten u. a. Clive Bell, Roger Fry und Maynard Keynes.

Anfang 1918 gingen Fredegond und Gerald Shove zurück nach London. Virginia Woolf, bei der Fredegond oft zu Gast war und die sie regelmäßig gemeinsam mit den anderen Bloomsburys im 1917er Club traf, bescheinigte ihr ein großes Talent in der Nachahmung von Menschen ihrer Umgebung; sie nannte die jüngeren, Bloomsbury nahestehenden Frauen, herablassend "Bloomsbury Bunnies" und "Bubiköpfe" und gab ihnen Spitznamen, die Dora Carrington (die Rübe), Fredegond (die Eule) und Alix (die Fledermaus) als Kränkung empfanden.

Nach Ende des Krieges arbeitete Gerald Shove für The Economist und Fredegond schrieb und veröffentlichte Gedichte in The Athenaeum. Im September 1919 entschieden sie sich, nach Cambridge zu gehen, da es dort für Gerald einfacher war, eine Stellung zu finden. Ab 1923 lehrte Gerald Shove am King’s College und beteiligte sich gemeinsam mit Maynard Keynes an den in Cambridge stattfindenden Diskussionen über Wirtschaftsentwicklung und -methoden.

Nach zweimaligen Wohnungswechsel fanden sie schließlich das ideale Haus, ihr "geliebtes Lilac Cottage" (12 Grantchester Road) und Fredegond integrierte sich in das universitäre Leben; sie distanzierte sich von Bloomsbury, denn unabhängig von der örtlichen Entfernung war auch eine gewisse Trennung dadurch eingetreten, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter (1920) sehr fromm wurde und 1927 der katholischen Kirche beitrat. Virginia Woolf sprach von Fredegonds Religionstick, deren Glaube voll Güte ist und bezeichnete sie als Ebenbild Christina Rossettis.

Clive Bell sah in Fredegond Shove eine schräge Mischung aus Intelligenz und Albernheit, aus Unerfahrenheit und Weisheit, die ihm eine Menge über die Natur der Liebe erzählte und der er seinerseits half, ihren Horizont zu erweitern, indem er ihr schmutzige und skandalöse Geschichten erzählte. Andere Zeitgenossen schätzten ihre skeptische Weltanschauung und beschrieben sie als sensible, oft auch ängstliche Frau mit einer großen Liebe zu Katzen.

Fredegond und Gerald Shove führten eine sehr harmonische Ehe, die aber - trotz Wunsch - kinderlos blieb. Fredegond Shove überlebte ihren Mann, der 1947 starb, zwei Jahre; ihr gemeinsames Grab befindet sich am Ascension Parish Burial Ground in Cambridge.

 

Fredegond Shove schrieb seit ihrer Jugend Gedichte. 1918 erschien ihr erster Gedichtband "Dreams and Journeys", als Nummer XXI der Reihe "Adventurers All. A Series of Young Poets Unknown to Fame". Der Band enthält dreißig Gedichte, von denen die Autorin vier Gedichte (A Dream in Early Spring / The World / The New Ghost / A Man Dreams that he is the Creator) für die Anthologie "Georgian Poetry 1918-19" auswählte, in der sie als erste Frau veröffentlicht wurde. Die zwischen 1912 und 1922 erschienenen fünf Bände von "Georgian Poetry"  hatten das Ziel, junge Autoren der Öffentlichkeit bekannt zu machen: und damit meinte man offensichtlich Männer. Der Herausgeber Edward Howard Marsh überlegte lange, Texte von Frauen in diese Reihe einzubeziehen und entschied sich schließlich für Fredegond Shove, obwohl sein Kreis eher für Charlotte Mew, Rose Macauley oder Edith Sitwell war. Marsh dürfte Shove über Rupert Brooke kennen gelernt haben, dessen Freund und Kollege Gerald Shove war. Vita Sackville-West wurde in der Ausgabe 1920-22 als zweite Frau die "Ehre" einer Veröffentlichung zuteil, Frances Cornford war die dritte: alle auch Autorinnen der Hogarth Press. Publiziert wurde die Reihe von Harold Munro, dessen Poetry Bookshop in Bloomsbury lag.

1920 wurden fünf Gedichte (Spirit is immortal / Mercy and Justice / Song, A Wood Cutter’s Song / A Birch Tree) in die Anthologie "Cambridge Poets" aufgenommen; von den siebenundvierzig BeiträgerInnen aus den verschiedenen Colleges von Cambridge waren sieben Frauen, darunter u. a. Rosamond Lehmann.

Im Mai 1922 veröffentlichte Fredegond Shove ihren zweiten Gedichtband "Daybreak. A Book of Poems" in der Hogarth Press; das Bändchen hatte einen mit Blumenmotiven bedruckten Kartoneinband, der - wie viele der handgedruckten Bücher aus der Hogarth Press - in Farbe und Motiv variierte. Obwohl nur 250 Stück gedruckt wurden, war der Absatz nicht besonders.

Im selben Jahr vertonte ihr Onkel Ralph Vaughan Williams vier ihrer Gedichte für Bariton und Klavier: Motion and Stillness / Four Nights / The New Ghost / The Water Mill. Dieser Vertonung verdankte Fredegond Shove über ihren Tod hinaus einen gewissen Bekanntheitsgrad; neuerdings sind Nachdrucke bzw. Taschenbuchausgaben ihrer Gedichte und ihrer Rossetti-Studie wieder erhältlich, darüber hinaus wurde sie in die 2001 erschienenen Anthologie "Cambridge Poets of the Great War" aufgenommen und einzelne Gedichte erschienen in verschiedenen Anthologien.

In ihrer Studie über Christina Rossetti, die 1931 erschien, stellt sie Leben und Werk der viktorianischen Dichterin in den Kontext ihrer Zeit; eine Neuauflage erschien 2014 in der Cambridge University Press.

Nach ihrem Tod gab Ermengard Maitland Fredegond Shoves Lebenserinnerungen heraus, in denen sie ihre Kindheit, das Heranwachsen und das glückliche Leben mit ihrem Mann beschreibt; die liebevollen Porträts ihrer Familie schließen auch ihre Katzen ein: "Our darling cat Cuckoo died in 1926."

Ermengard Maitland schrieb auch das Vorwort zu "Poems", einer Auswahl von 32 sowohl veröffentlichten als auch unveröffentlichten Gedichten, die 1956 erschien. Sie versuchte gemeinsam mit Fredegond Shoves Cousine Mary Bennett, die den Nachlass erbte, mit diesen Gedichten den Weg ihrer Schwester nachzuzeichnen: ihr Abwenden von Bloomsbury, ihre Hinwendung zum Katholizismus, ihre Liebe zu Tieren und ihre zunehmenden Ängste.


Verwendete Literatur / Quellen:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917 - 1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Virginia Woolf: Tagebücher 1, 1915 - 1919. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990

Virginia Woolf: Tagebücher 2, 1920 - 1924, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1994

Ermengard Maitland: Foreword. In: Fredegond Shove: Poems. Cambridge University Press, Cambridge 1956 / 2015

Alan & Veronica Palmer: Who’s Who in Bloomsbury. The Harvester Press, Brighton 1987

Elizabeth Willson Gordon: Woolf’s-head Publishing. The Highlights and New Lights of the Hogarth Press. University of Alberta Libraries, 2009

Sybil Oldfield (Ed.): Afterwords. Letters on the Death of Virginia Woolf. Rutgers University Press, New Brunswick, New Jersey 2005

Hermione Lee. Virginia Woolf . Ein Leben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999

Leonard Woolf: Mein Leben mit Virginia. Erinnerungen. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1988

Cambridge Poets. 1914 - 1920. Compiled by Edward Davison. W. Heffer & Sons, Cambridge 1920 (archive.org)

Fredegond Shove: Daybreak. Hogarth Press, London 1922 (archive.org)

Fredegond Shove: Dreams & Journeys. B. H. Blackwell, Oxford 1918 (archive.org)

de.wikipedia.org/wiki/Fredegond_Shove

en.wikipedia.org/wiki/Fredegond_Shove

en.wikipedia.org/wiki/Florence_Henrietta_Darwin

en.wikipedia.org/wiki/Frederic_William_Maitland

de.wikipedia.org/wiki/Gerald_Shove

www.modernistarchives.com/person/fredegond-shove

archive.org/details/p1athenaeum1920lond

www.geni.com/people/Fredegond-Shove/6000000037065112297

www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=130807739

www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=98717674

www.modernistarchives.com/search/node/florence%20moore

www.npg.org.uk/

 

Fredegond und Gerald Shove 1917 in Garsington Manor: als Pazifist und Kriegsdienstverweigerer arbeitete Gerald Shove im Gutsbetrieb von Philip und Ottoline Morrell.

 

 

Fotos: Lady Ottoline Morrell © National Portrait Gallery, London

 

 

Foto: Henry Taunt, 1895

Garsington Manor, ein Anwesen aus dem 17. Jahrhundert mit etwa 150 Hektar Landbesitz, liegt südöstlich von Oxford; Philip und Ottoline Morrell machten es zum Treffpunkt von Künstlern, Literaten und Intellektuellen, vor allem der Bloomsbury Group. Im ersten Weltkrieg wurde es Asyl für Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer.

Fredegond Shove widmete ihren ersten Gedichtband Emily Moncrieff Mirrlees - Lina oder Lena genannt -, der Mutter von Hope Mirrlees, die gleichzeitig mit Fredegond im Newnham College studierte und später ebenfalls in der Hogarth Press veröffentlichte.

In der ersten Hälfte des 20. Jh. gab es in Cambridge nur zwei Colleges für Frauen. Das Newnham College war in der Anthologie vertreten durch "D", Olwen W. Campbell, Ada M. Harrison, Fredegond Shove und Kathleen Montgomery Wallace; aus dem Girton College kamen Rosamond Lehmann und E. G. Morice. 

Fredegond Shove widmete "Daybreak" ihrer Schwester Ermengard Maitland:

"I wish that I had something  better to give you, but all that I ever have will be less than the least of your thoughts."

Abb. rechts: Porträt der Dichterin von Dante Gabriel Rossetti, 1866

In ihrer Studie geht Fredegond Shove nach einer biografischen Einleitung auf die Gedichte und Prosawerke Christina Rossettis ein und stellt sie in den Kontext ihrer Zeit.

 

Die Lebenserinnerungen "Fredegond and Gerald" erschienen als Privatdruck in einer Auflage von 250 Stück. Für die Herausgabe der "Poems" trafen Ermengard Maitland und Mary Bennett eine Auswahl von Gedichten aus dem Nachlass  - eine schwierige Aufgabe, denn Hunderte von Gedichten waren im Lilac Cottage an allen möglichen Stellen zu finden. 


Fredegond Shove - Veröffentlichungen:

Dreams and Journeys. B. H. Blackwell, Oxford 1918

Daybreak. Hogarth Press, London 1922

Christina Rossetti: A Study. Cambridge University Press, Cambridge 1931 / 2014

Fredegond and Gerald Shove. Privatdruck, Brookthorpe, Gloucester 1952

Poems. Cambridge University Press, Cambridge 1956

 

Fredegond Shove - Gedichte in Anthologien (Auswahl):

The Book of Modern British Verse. Ed. By Wiliam Stanley Braithwaite. Small, Maynard & Co., 1919

Georgian Poetry 1918-19. Ed. by Sir Edward Marsh. The Poetry Bookshop, London 1919

Cambridge Poets. 1914-1920. An Anthology. Compiled by Edward Davidson. W. Heffer & Sons, Cambridge 1920

Cambridge Poets of the Great War. An Anthology. Ed. by Michael Copp. Fairleigh Dickinson University Press, 2001

Winter: A Book of the Season. Ed. by Felicity Trotman. Amberley Publishing, 2016