FRIEDA MARJORIE PICOT

11. Juli 1906 – 1992

 

Anglistin, Theologin, Dichterin

 

 

Frieda (Freye) Marjorie Picot wurde in St. Anne auf Alderney, der nördlichsten Kanalinsel, geboren. Ihre Eltern waren die in Frankreich geborene Marie Augustine Francoise le Seneschal und William John Picot, ab 1899 Procureur am Royal Court of Alderney. Frieda hatte zwei ältere Schwestern (Irene und Daisy) und einen jüngeren Bruder (Edmund). Sie litt unter einer durch ihren Vater vererbten angeborenen Syphilis und erblindete mit dreizehn Jahren; bis dahin las sie sich durch die große Bibliothek ihres Vaters, der ebenfalls die meiste Zeit mit Lesen verbrachte. Nach dem frühen Tod des Vaters unterstützte Sir William Herivel, ein wohlhabender Cousin von William John Picot, die Familie und ermöglichte ihr den Besuch des Chorleywood College for Girls (The Cedars), eine der ersten Schulen für sehbehinderte und blinde Menschen, wo sie die Brailleschrift erlernte; Phyllis Monk, die Leiterin der Schule und ehemalige Girton Absolventin, setzte sich für die begabte Schülerin ein und Frieda Picot begann - nach einer erfolgreichen Aufnahmeprüfung in Französisch, Latein, Geschichte und Englischer Literatur - als erste blinde Studentin in Cambridge zu studieren. Von 1927 bis 1930 belegte sie am Girton College das Fach Anglistik, studierte von 1930 bis 1932 am Newnham College Theologie und predigte in der Methodistenkirche.

Während ihres Studiums schrieb sie Gedichte und beschäftigte sich mit der Geschichte ihrer Heimat: sie veröffentlichte den Text "The Folklore and Customs of Alderney" (In: Transactions of La Société Guernesiaise 10, No 4, 1929) und im Februar 1931 drei Gedichte ("In Flat Country" / "Inheritance" / "Bane") in dem 56 Seiten starken Band "Anthology of Cambridge Women’s Verse", der als Nummer 20 im Rahmen der "Hogarth Living Poets, First Series" von Margaret Thomas herausgegeben wurde.

In Cambridge lernte sie im Mai 1930 Louis Harold (Hal) Gray kennen, der am Trinity College Physik, Mathematik und Chemie studiert hatte und später zum Begründer der Radiobiologie wurde. Sie weckte in ihm die Liebe zur Literatur und er las ihr in endlosen Stunden vor. Beide gehörten einer wesleyanischen Gruppe der Methodisten an, engagierten sich aktiv in Friedensprojekten und sympathisierten mit Gandhis Kampf für die indische Unabhängigkeit. Der spätere Nobelpreisträger für Physik Subrahmanyan Chandrasekhar, der 1930 am Trinity College studierte, gehörte zu ihren Freundeskreis und beschrieb Frieda Picot als extrem nette Frau, nicht schön, aber von einer außerordentlichen Ausstrahlung und Eleganz. Auch ihn überzeugte sie, dass Wissenschaft nicht alles sei, gab ihm Literaturunterricht, bis er schließlich zum Verehrer von Virginia Woolf wurde und die Meister der russischen Literatur liebte.

Am 11. Juni 1932 heirateten Freye Picot und Hal Gray und bezogen ein Haus in Northwood bei London (5 St. Mary’s Av.); Gray hatte am Mount Vernon Hospital in Northwood eine Forschungsstelle und leistete mit seiner Arbeit einen wesentlichen Beitrag zu Entwicklung der Strahlentherapie. Bis auf eine Unterbrechung - er arbeitete nach den Zweiten Weltkrieg ein paar Jahre am Londoner Hammersmith Hospital - blieb er bis zu seinem Lebensende am Mount Vernon Hospita und gründete dort das erste radiobiologische Institut weltweit - das heutige Gray Laboratory of the Cancer Research Campaign.

Freye und Hal Gray wollten gerne Kinder, hatten jedoch Angst vor möglichen angeborenen Krankheiten; sie besuchten Experten für Erbkrankheiten, die sie beruhigten: 1939 wurde John Crispin und 1943 Giles Damian geboren, beide Kinder waren gesund.

Trotz ihrer Sehbehinderung begleitete Freye Gray ihren Mann auf seinen diversen Auslandreisen zu Symposien, Tagungen und Vorträgen: so reisten sie zweimal nach Moskau, besuchten die USA, waren in Deutschland und Frankreich, und verbrachten die Ferien regelmäßig in Aldernay.

Ihr gastfreundliches Haus in Northwood wurde zum Treffpunkt für FreundInnen und KollegInnen; im Zweiten Weltkrieg wurde es auch Heim für eine emigrierte jüdische Familie und für Freye Grays Mutter, Schwester und Cousinen, die Alderney verließen, als die Nazis die Insel besetzten.

Nachdem Hal Gray 1962 einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, starb er 1965; seine Asche wurde in Alderney beigesetzt.

Freye Gray hatte schon in den späten 50-er Jahren begonnen, Privatstunden zu geben; nach dem Tod ihres Mannes setzte sie das fort und unterrichtete Englische Literatur und Grammatik, darüber hinaus gab sie Konversationsunterricht für ausländische StudentInnen.

Im Alter von achtzig Jahren besuchte sie 1986 die 13. L. H. Gray Conference "Free Radical Biochemistry, Radiation Injury and Brunel" in London.

Das Chorleywood College in Hertfordshire wurde 1921 gegründet und ermöglichte blinden und sehschwachen Mädchen durch Erlernen der Brailleschrift und mit einem praxisorientierten Unterricht den Schritt in ein selbstständiges Leben.

Frieda Picot schrieb während ihres Studiums einen Text über Brauchtum und Sitten in Alderney sowie drei Gedichte, die in "An Anthology of Cambridge Women’s Verse" veröffentlicht wurden. Weitere Gedichte stammten von Margaret Diggle, Gwendolen Freeman, Jocelyne Gibson, Alethea Graham, Muriel Hardill,  Morwenna Lyne, Helen Megaw, E. E. Phare, Kathleen Raine und Margaret Thomas; drei Autorinnen, alle Studentinnen von Newnham, zeichneten mit ihren Initialen:  E. S. D. H., M. N., A. D. W.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Girton College Register 1869–1946. Cambridge 1948

Kameshwar C. Wali: Chandra. A Biography of S. Chandrasekhar. University of Chicago Press, 1991

Sinclair Wynchank: Louis Harold Gray: A Founding Father of Radiobiology. Springer, 2016

N. Bishop Harman: A College for Blind Girls. In: British Jourmal of Ophthalmology, 6(2), Feb 1922 (www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC512682/?page=1)

trmt.org.uk/research-edu/historic-buildings/chorleywood/

www.hertfordshire-genealogy.co.uk/data/places/places-c/chorleywood/chorleywood-cedars.htm

familysearch.org/ark:/61903/1:1:X7J9-7RZ

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de.wikipedia.org/wiki/Louis_Harold_Gray

www.lhgraytrust.org/lhgraybiography.html

www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2149450/pdf/brjcancersuppl00066-0007.pdf