GWENDOLEN FREEMAN

4. April 1908 – 2. Juni 2007

 

Schriftstellerin und Journalistin

 

 

Gwendolen Freeman wurde in Ealing, einem westlichen Stadtteil von London geboren und wuchs in Surbiton, südwestlich von London auf; sie war die Tochter von Lucy Constance Rimmington und William Freeman, einem Schriftsteller, Journalisten und Secondhand-Buchhändler; ihre um zwei Jahre ältere Schwester Barbara Constance war Künstlerin, sie illustrierte Märchen, Sagen und Kinderbücher (z. B. Enid Blyton) und war erfolgreich als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern. Gwendolen Freemans Großvater war der Maler William Freeman - zu Lebzeiten nicht sehr erfolgreich, da er seine Bilder nur regional ausstellte; sie verehrte ihn, sammelte und bewahrte seine Bilder und machte ihn der Nachwelt bekannt.

Gwendolen wurde liberal erzogen, besuchte - so wie ihre Schwester - die 1880 gegründete "Tiffin Girl’s School" in Kingston-upon-Thames, wo ihre Mutter Lehrerin gewesen war, und ging dann von 1926 bis 1929 als "Emily Davies Studentin" nach Girton, um Anglistik zu studieren. Mitstudentinnen waren u. a. die Dichterin Kathleen Raine und ihre langjährige Freundin Queenie Dorothy Leavis (geb. Roth): Queenie wurde eine bekannte Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin, die mit ihrem Mann F. R. Leavis  eine äußerst produktive und einflussreiche, literarische Partnerschaft lebte.

1928 erhielt Gwendolen für ihre Lernerfolge den "Charity Reeves Prize". Sie schloss ihr Studium mit dem Bachelor of Arts ab und hätte die Möglichkeit gehabt, in den USA weiter zu studieren; ihre Mutter bzw. familiäre Umstände brachten sie dazu, eine journalistische Karriere einzuschlagen.

Sie wurde 1929 Mitarbeiterin von The Queen, arbeitete dann von 1930 bis 1941 für The Birmingham Post, wo sie für die neu eingeführte Frauenseite verantwortlich war, und wurde Herausgeberin von The Samaritan, einer Zeitung der "Birmingham Hospital Contributory Association" (1940).

Zwischen 1930 und 1945 war sie ehrenamtlich für das „Birmingham Settlement“ tätig, wobei ihr bald klar wurde, dass allein durch Sprache, Herkunft und Lebenserfahrung zwischen ihr und den von ihr betreuten Menschen eine Distanz bestand, die nicht zu überbrücken war; ihre Erfahrungen mit den Menschen aus dem Armenviertel rund um die Summer Lane verarbeitete sie in dem Band "The Houses Behind. Sketches of a Birmingham Back Street" (1947).

Während des Zweiten Weltkrieges war sie Public Relations Officer im Ministry of Labour, Midlands Region (1941–1945) und Mitglied des Birmingham Library Committee (1940–1945). Danach schrieb sie zeitweise für die Birmingham News, für den Spectator (The Domestic Problem, 22. Februar 1946 / Vanishing English, 1. Mai 1947 / Children’s Book, 18. November 1949 / Homes and Home, 21. Mai 1953) und für Times Literary Supplement, hier vor allem Buchbesprechungen. Ab 1953 war sie freie Mitarbeiterin der National Press, schrieb für zahlreiche regionale Zeitungen und veröffentlichte regelmäßig in History Today; ihre journalistische Tätigkeit nutzte sie, um für Wohltätigkeitsprojekte zu werben und auf Hilfsbedürftige aufmerksam zu machen.

Neben dem Journalismus konzentrierte sie sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens auf das Schreiben von Büchern: soziale und gesellschaftliche Themen, Gedichte, Romane, biografische und autobiografische Texte. 1956 übersetzte sie "The Lost Kings of Thule. A Year Among the Polar Eskimos of Greenland" von Jean Malaurie aus dem Französischen.

Trotz ihrer aktiven und erfolgreichen Berufstätigkeit fand sie auch Zeit für "ihre" Familie: sie adoptierte Kinder, betreute Pflegekinder und war im Alter - neben ihren geliebten Katzen - von vielen Enkelkindern umgeben.

 

Im Februar 1931 erschien als Nummer 20 im Rahmen der "Hogarth Living Poets, First Series" die 56 Seiten starke "Anthology of Cambridge Women’s Verse" mit vier Gedichten von Gwendolen Freeman. Das Buch hatte eine Auflage von 500 Stück und einen chamois farbigen Pappeinband. Die Anthologie wurde von Margaret Thomas herausgegeben und enthält außerdem Beiträge von Studentinnen des Girton College und des Newnham College: u. a. Margaret Diggle, Jocelyne Gibson, Alethea Graham, Muriel Hardill, Morwenna Lyne, Helen Megaw, E. E. Phare, F. Picot, Kathleen Raine und Margaret Thomas; drei Beiträge sind nur mit Initialen der Autorinnen, alle Studentinnen von Newnham, gezeichnet: E. S. D. H., M. N., A. D. W. Den Umschlag entwarf Virginia Woolfs Schwester Vanessa Bell.

1947 begann mit "Houses Behind" ihre produktive Zeit als Buchautorin; es folgten autobiografische Bücher wie "Children Never Tell" (1949), "A Zeppelin in My Childhood" (1989), "Alma Mater. Memoirs of Girton College" (1990), "Flora at School" (1994), "Midland Thirties" (1998), "People of the Century" (1999) und "Peace and War, Bombs and Buns" (2005). Sie schrieb Gedichte - "Between Two Worlds", "Scriptural Beasts" (1989), "Medieval Fancies" (1997) -, beschäftigte sich mit der Geschichte ihrer Familie - "The United Family Record: Some Late Victorians" (1989) und "World of an Artist: Life of William Freeman" (1990), mit der Viktorianischen Zeit - "Queen Victoria and Ping-pong: Diaries of a Girl a Century Ago" (2004) und veröffentlichte eine Romantrilogie: "Ways of Loving" (1993) / "The Dodona Oak" (1995) / "Anna with Tristram" (1996), in der sie das Alltags- und Familienleben einer im Journalistenmilieu angesiedelten Mittelstandsfamilie in den 30-er, 40-er und 50-er Jahren schildert.

Neben zahlreichen Veröffentlichungen in den oben erwähnten Zeitschriften, schrieb sie auch einen Beitrag für das Buch "Denys Thompson: The Leavises: Recollections and Impressions" (Cambridge University Press, 1984).  Der Band versammelt Erinnerungen von Menschen, die mit Queenie und F. R. Leavis im Laufe ihres Lebens zusammentrafen. Gwendolen Freeman erinnert sich darin an ihre Mitstudentin und Freundin in Girton.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Girton College Register 1869–1946, Cambridge 1948

Carl Chinn: They Worked All Their Lives: Women of the Urban Poor in England, 1880–1939. Manchester University Press 1988

Bibliographies of Studies in Victorian Literature. For the ten Years 1945–1954. Ed. by Austin Wright, University of Illinois Press, urbana 1956 / archive.org/details/in.ernet.dli.2015.184051/page/n1/mode/2up/search/Freeman

openlibrary.org/authors/OL79378A/Gwendolen_Freeman

janus.lib.cam.ac.uk/db/node.xsp?id=EAD%2FGBR%2F0271%2FGCPP%20Freeman

issuu.com/girtoncollege/docs/annualreview2008

www.brewinbooks.com/authorprofiles/gwenfreeman.htm

www.unz.org/Pub/SaturdayRev-1949sep10-00038 (Rezension von „Children Never Tell“ in Elizabeth B. Hurlok: Looking at the Youngest Generation)

www.lissfineart.com/search-results/art/Barbara+Constance+Freeman

archive.spectator.co.uk/search?term=Gwendolen+Freeman&x=14&y=10

www.brewinbooks.com

Die von Margaret Thomas in der Hogarth Press herausgegebene Anthologie enthält vier längere Gedichte von Gwendolen Freeman:

"Pastoral" (2 Seiten), "Trees" (4 Seiten), "The Judas" (2 Seiten) , The Tomb" (2 Seiten).

Im ersten Teil von "Children Never Tell" beschrieb Gwendolen Freeman ihre eigenen Gefühle, Erfahrungen, Erinnerungen als Sechsjährige, der zweite  Teil enthält Erfahrungsberichte von Buben und Mädchen verschiedenen Alters: sie wollte damit die Sicht des Kindes auf seine Umwelt zeigen und verständlich machen, dass die Welt des Kindes eine andere ist als die des Erwachsenen. 

"A Zeppelin in my Childhood", Gwendolen Freemans Erinnerungen an ihre Kindheit und das Leben in Surbiton zur Zeit des Ersten Weltkriegs, erschien 1989. Es folgten "Flora at School" , basierend auf ihre Schulzeit in Kingston-upon-Thames, ein Rückblick auf die Studienzeit "Alma Mater", in dem sie das Leben in Girton der Zwischenkriegszeit schildert, sich an Freundschaften erinnert, an Vorlesungen und Prüfungen, an die Notwendigkeit, eine Arbeit zu finden und schließlich an den Abschied am Ende des Studiums. In "Midland Thirties" beschreibt sie die autobiografisch gefärbte Geschichte einer Frau in der männerdominierten Welt einer Provinzzeitschrift. In "People of the Century" blickt sie auf ihr Leben zurück und die Menschen, die sie beeinflussten. Sie beschäftigte sich mit der Geschichte ihrer Familie ("The United Family Record"), für die sie Dokumente und Aufzeichnungen der Familien Freeman und Abbotts sammelte, die durch Heirat miteinander verwandt waren und nahe Surbiton und Umgebung lebten. Mit der Biografie ihres Großvaters William Freeman, dessen Bilder sowohl die Viktorianische Zeit als auch die frühen 20-er Jahre widerspiegeln, versuchte sie sein Werk bekannt zu machen.


Gwendolen Freeman - Veröffentlichungen (Auswahl):

"Pastoral" / "Trees" / "The Judas" / "The Tomb". In: An Anthology of Cambridge Women’s Verse. Compiled by Margaret Thomas. Hogarth Living Poets, First Series, No. 20, Hogarth Press, London 1931
The Houses Behind. Sketches of a Birmingham Back Street. George Allen & Unwin,  London 1947
Children Never Tell. George Allen & Unwin,  London 1949
When You are Old. George Allen & Unwin,  London 1951
Between Two Worlds - Book of Poetry. Outposts Publications, London 1978
Time. Illustrated by Rigby Graham. Toni Savage, Phoenix Broadsheet Nr. 271, Leicester 1986
The United Family Record: Some Late Victorians. With Illustrations by William Freeman. Brewin Books. London 1989
A Zeppelin in My Childhood. Tallis Press, London 1989
Scriptural Beasts - The Collected Poems of Gwendolen Freeman. Tallis Press, London 1989
World of an Artist: Life of William Freeman. Brewin Books, London 1990
Alma Mater. Memoirs of Girton College, 1926–1929. Mistress, Fellows and Scholars of Girton College 1990
Flora at School, 1919 - 1926. Ergon Press, London 1994
Romantrilogie: Ways of Loving (1993) / The Dodona Oak (1995) / Anna with Tristram  (1996). Brewin Books, London
Midland Thirties. Memoirs of a Journalist. Brewin Books, London 1998
Medieval Fancies. Brewin Books, London 1997

People of the Century. Brewin Books, London 1999
Harriet without Conclusions. Brewin Books, London 2001
(Ed.) Queen Victoria and Ping-pong: Diaries of a Girl a Century Ago. Brewin Books, London  2004
Peace and War, Bombs and Buns. Rowanvale Books, Cardiff 2005