HELEN DICK MEGAW

1. Juni 1907 - 26. Februar 2002

 

Kristallografin, Naturwissenschaftlerin, Fotografin, Dichterin

 

 

Helen Megaw wurde in Dublin (44 Northumberland Road) geboren und war die Tochter von Annie, geb. McElderry, und Robert Dick Megaw, Rechtsanwalt, Politiker und Richter. Sie hatte zwei Brüder und fünf Schwestern und wuchs in einer sehr gebildeten Familie auf, die erfolgreich in einflussreichen Berufen tätig war.

Sie besuchte ab 1916 die Alexandra School in Dublin, dann die Roedean School in Brighton, eine Vorbereitungsschule für Girton und Newnham, studierte ein Jahr an der Queen’s University in Belfast und danach am Girton College in Cambridge, wo sie 1930 im Fach Naturwissenschaften graduierte. In ihrer Girton-Zeit schloss sie Freundschaft mit Alethea Graham und deren Familie, schrieb Gedichte, die in "An Anthology of Cambridge Women's Verse" 1931 veröffentlicht wurden.

Helen Megaw wurde schon bald klar, dass sie eine wissenschaftliche Kariere einschlagen möchte; nach ihrem Abschluss in Girton arbeitete sie die folgenden vier Jahre - gemeinsam mit der späteren Nobelpreisträgerin Dorothy Crowfoot Hodgkin - als Forschungsstudentin des bekannten Physikers John Desmond Bernal, der mit seinen Arbeiten zur Begründung der modernen Biowissenschaften wesentlich beigetragen hat. Unter seinem Einfluss entschloss sie sich, Kristallografie zu ihrem Spezialgebiet zu machen, eine Entscheidung, die auch ihrem besonderen Talent entsprach: Helen Megaw hatte ein besonders ausgeprägtes dreidimensionales Vorstellungsvermögen, das ihr ermöglichte, Strukturen von Kristallen aus jeder Perspektive zu skizzieren. Darüber hinaus war Kristallografie zu ihrer Zeit ein Wissenschaftszweig, in dem Frauen und Männer die gleichen Chancen hatten.

Ihre Karriere begann mit ihrer Doktorarbeit über die Struktur von schwerem und normalem Eis; in Erinnerung an diese Arbeit wurde später eine Insel in der Antarktis nach ihr benannt: Megaw Island. Bekannt wurde sie auch durch ihre Bestimmung der Struktur von ferrolelektrischen Kristallen.

Sie schloss ihr Studium der Mineralogie und Petrologie in Cambridge mit einem PhD ab, bekam ein Hertha Ayrton Forschungsstipendium und ging 1934 für ein Jahr nach Österreich, wo sie bei dem, später nach den USA emigrierten, Chemiker Herman F. Mark an der Universität Wien studierte; 1935 kehrte sie nach England zurück und forschte unter dem physikalischen Chemiker Francis Simon - Emigrant aus Berlin - am Clarendon Laboratory der University of Oxford. 1936 erhielt sie für ihren Essay "Thermal Expansion of Crystals" den Gamble Prize.

Ab 1936 war sie als Lehrerin an der Bedford High School und an der Bradford Girls’ Grammar School tätig, 1943 trat sie eine Stelle im Materials Research Laboratory bei Philips Lamps Ltd. in Mitcham an und erforschte die Struktur von Barium Titanat, einem wichtigen Industriematerial. 1945 folgte eine weitere Zusammenarbeit mit J. D. Bernal am Birbeck College in London; im folgenden Jahr wurde sie Assistant und später Assistant Director am Cavendish Laboratorium, Cambridge; von 1946 bis zu ihrer Pensionierung 1972 war sie Mitglied, Dozentin und Direktorin für Physikwissenschaft am Girton College.

Eine besondere Rolle spielte sie auch bei der Übertragung von Strukturen und Mustern aus der Kristallografie in Gegenstände des Alltags: 1937 bestickte sie einen Polster - ein Hochzeitsgeschenk an ihre Kollegin Dorothy Hodgkin - mit dem Muster der Kristallstruktur von Aluminiumhydroxid (in silber, rot und blau); mit der Idee, Muster und Strukturen aus ihrem Forschungsbereich in das Design von Gegenständen des Alltags zu integrieren, wandte sie sich an Mark Hartland Thomas, Mitarbeiter des Coucil of Industrial Design; sie wurde wissenschaftliche Beraterin der Festival Pattern Group, die für die Nationalausstellung Festival of Britain 1951 die Ausstellung "From Atoms to Patterns" vorbereitete und in der Wissenschaftler, Designer und Hersteller kreativ zusammen arbeiteten; Helen Megaw achtete dabei genau auf eine qualitätsvolle Umsetzung der kristallografischen Muster.

Sie war Mitglied in Institutionen wie Faraday Society, Physical Society, Cambridge Philosophy Society, Mineralogical Society, British Glaciological Society, war aktiv tätig im London Area Committee, in der Association of Scientific Workers und war Delegierte der Frauenorganisationen am Trade Union Congress 1946.

1967 bekam sie den Ehrendoktor der University of Cambridge, 1989 als erste Frau die angesehene Roebling Medaille der Mineralogischen Gesellschaft von Amerika, und 2000 den Ehrendoktor der Queen’s University, Belfast.

Helen Megaw war eine bemerkenswerter Mensch: KollegInnen und StudentInnen schätzten ihr freundliches und ruhiges Wesen, aber auch ihr respekteinflößendes Auftreten. Nach ihrer Pensionierung lebte sie zum Teil in Ballycastle, Antrim (22 Dunamallaght Road) und widmete sich ihren privaten Interessen wie Gärtnern - sie war Mitglied der Northern Ireland Daffodil Group - und Fotografieren (1943 waren ihre Fotos beim Londoner Salon of Photography ausgestellt worden); sie pflegte aber auch weiterhin den Kontakt zu vielen ihrer KollegInnen und StudentInnen in Cambridge.

Helen Megaw starb 2002 in ihrem Heim in Ballycastle an einem Schlaganfall.

 

Helen Megaw veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften und Fachberichten wie z. B. Nature, Acta Crystallographica, Proceedings of the Royal Society of London, Journal de Physique. Ihr bahnbrechendes Buch "Ferroelectricity in Crystals" wurde zum Standardwerk in ihrer Disziplin; "Crystal Structures" zeigte ihre Begabung, die Strukturen von Kristallen zu beschreiben.


Verwendete Literatur / Quellen:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917 - 1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Girton College Register 1869 - 1946. Cambridge 1948

Mark Hartland Thomas: The Souvenir Book of Crystal Designs: The Fascinating Story in Colour of the Festival Pattern Group.Typographical Designers, London 1951

en.wikipedia.org/wiki/Helen_Megaw

en.wikipedia.org/wiki/X-ray_crystallography

www.crystallography.org.uk/wp-content/uploads/CN81J02.PDF

cwp.library.ucla.edu/images/megaw/megaw_bca.html

cwp.library.ucla.edu/Phase2/Megaw,_Helen@851234567.html

www.newulsterbiography.co.uk/index.php/home/viewPerson/1919

frieze.com/article/atoms-patterns

 

Foto Bernal Team:

www.iucr.org/gallery/individual?show=26431

Helen Megaw schrieb einen Beitrag für die im Februar 1931 in der Hogarth Press erschienene 56 Seiten starke "Anthology of Cambridge Women’s Verse". Die Anthologie wurde von Margaret Thomas herausgegeben und enthält außerdem Beiträge von Studentinnen des Girton College und des Newnham College: Margaret Diggle, Gwendolen Freeman, Jocelyne Gibson, Alethea Graham, Muriel Hardill, Morwenna Lyne, E. E. Phare, F. Picot, Kathleen Raine und Margaret Thomas; drei Beiträge sind nur mit Initialen der Autorinnen, alle Studentinnen von Newnham, gezeichnet: E. S. D. H., M. N., A. D. W. Der Umschlag wurde von Virginia Woolfs Schwester Vanessa Bell entworfen.

oben: Helen Megaw um 1950

unten: Das Bernal Team. Vorne zweite von rechts: Helen Megaw,

vorne Mitte: John Desmond Bernal

Die Nationalausstellung Festival of Britain fand im Sommer 1951 am Südufer der Themse in London statt und präsentierte den britischen Beitrag zu Wissenschaft, Technologie, Design, Architektur und Kunst einer breiten Öffentlichkeit. Für die Ausstellung From Atoms to Pattern war Helen Megaw als wissenschaftliche Beraterin im Vorbereitungsteam. Begleitend zur Ausstellung erschien "The Souvenir Book of Crystal Design"; "From Atom to Patterns: Crystal Structure Designs from the 1951 Festival of Britain" von Lesley Jackson erschien 2008 bei Richard Dennis als Taschenbuch und beschreibt die kreative Zusammenarbeit der Festival Pattern Group.


Helen Dick Megaw - Veröffentlichungen (Auswahl):

"On Going Down from Cambridge, March 1929". In: An Anthology of Cambridge Women’s Verse, Hogarth Living Poets, First Series, No. 20. Hogarth Press, London 1931

"Cell Dimensions of Ordinary and 'Heavy' Ice". In: Nature, No.134, 1934

"Crystal Structure of Barium Titanate". In: Nature, No. 155, 1945

"Notation for Feldspar Structures". In: Acta Crystallographica, No. 9, 1956

Ferroelectricity in Crystals. Methuen, London 1957

Crystallographic Book List. International Union of Crystallography Commission on Crystallographic Teaching, Utrecht 1965 (1966, 1972)

Crystal Structures: A Working Approach. W. B. Saunders Co., Philadelphia 1973

"Geometrical und Structural Reltions in the Rhombodedral Perovkites". In: Acta Crystallographica, No. 31, 1975

"The Domain of Crystallography". In: J. Lima de Faria (Ed.): Historical Atlas of Crystallography. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht 1990