IRMA PETROFF

1891 – 1968

 

Schriftstellerin, Redakteurin, politische Aktivistin

 

 

Irma Petroff, geb. Irmentraut Gellrich, hatte ein außergewöhnliches Leben, von dem Vieles im Dunklen verborgen bleibt. Sie stammte aus Breslau, war führend in der sozialdemokratischen Jugendbewegung Deutschlands, Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Anhängerin / Freundin von Karl Liebknecht, der zur antimilitaristischen Linken zählte.

Vor dem Ersten Weltkrieg ging sie nach London und lebte ab 1913 mit Peter Petroff zusammen, einem Exilrussen, der so wie sie aktiv in der British Socialist Party, der Vorläuferin der Kommunistischen Partei, im Londoner Bezirk Kentish Town tätig war und dem radikalen Flügel der Kriegsgegner angehörte. Peter Petroff wurde 1884 in Novotorzksk als jüngster von neun Geschwistern geboren, machte eine Tischlerlehre und besuchte die Universität von Kiew. Er spielte eine aktive Rolle in der Revolution von 1905, wurde zweimal verwundet, nach Sibirien verbannt, von wo er als 23-Jähriger über Genf nach England flüchtete.

Auf Einladung der Sozialistischen Partei, und da vor allem auf Betreiben des revolutionären Sozialisten John Maclean, übersiedelten Irma und Peter Petroff im November 1915 nach Glasgow, um die dortige Arbeiterbewegung zu unterstützen und gegen den Krieg zu aktivieren.

1916 wurden Irma und Peter Petroff als Ausländer auf Basis des "Defence of the Realm Act" und ohne gerichtliches Verfahren interniert. Irma Petroff kam nach Aylesbury / Buckinghamshire, einem Lager, in dem sie und andere weibliche Insassen unglaublichen Repressionen ausgesetzt waren: so wurden sie gezwungen ein Bad zu nehmen und die Badeutensilien zu benutzen, die unmittelbar vorher von einer schwer an Syphilis erkrankten Prostituierten verwendet wurden. Peter Petroff wurde im Londoner Islington Internment Prison festgehalten, nach einem Hungerstreik kam er für einige Tage nach Pentonville.

Nach der Oktoberrevolution wurde Irma Petroff gemeinsam mit ihrem Mann und dem russischen Politiker Georgi Chicherin (dem späteren Außenminister der USSR) im Austausch zu britischen Gefangenen freigelassen und nach Russland ausgewiesen, für ihre Freilassung hatte sich u. a. auch Leo Trotzki eingesetzt.

Irma Petroff wurde Mitarbeiterin von Karl Radek, der Sekretär für Deutschland im Exekutivkomitee der Komintern war und Delegierter bei den Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und Sowjetrussland. Sie arbeitete in Petrograd und dann in Moskau mit Ernst Reuter und Bela Kun im "Exekutivkomitee der ausländischen Arbeiter und Bauern", dessen Aufgabe es war, deutsche, österreich-ungarische und andere Kriegsgefangene zu betreuen und eventuell auch für die Rote Armee zu rekrutieren. Irma Petroff führte die Redaktion der Zeitschrift Völkerfriede (ab Oktober 1918 Welt-Revolution), die von der "Deutschen Gruppe in der KP Russlands (Bolschewiki)" herausgegeben wurde. Nachdem Ernst Reuter 1918 von Josef Stalin, dem damaligen Volkskommissar für Nationalitätenfragen, mit der Führung des provisorischen Kommissariats für die Wolgadeutschen betraut wurde, leitete Irma Petroff die Abteilung für Volksbildung.

Ein Bild von Irma Petroff zeichnete Alfons Paquet, Schriftsteller und damals Korrespondent der Frankfurter Zeitung, in seinen Moskauer Texten und Aufzeichnungen: "reisefertig, mit neuer braungelblederner Umhängetasche ... Giebt ihren Vornamen für den Pass: Irmentraut Petrow ... Rosig wie ein Borsdorfer Apfel, echt deutsch. Fährt nach Deutschland ... Sie trägt, eine Art Gudrun, unter dem Reisemantel das schwarze Lederkostüm der Außerordentlichen Kommission, dunkel mit roter Rosette geschmückt." (Gerd Koenen: "Rom oder Moskau". Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924, S. 280f.)

In den 20-er Jahren arbeitete sie gemeinsam mit ihrem Mann für die Handelsmission in der Sowjetbotschaft in Berlin. 1926 gaben sie im Rahmen ihrer Arbeit "Die Wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion" heraus und wiesen in ihrer Vorbemerkung auf die Schwierigkeiten hin, "bei der vielfach organisatorisch mangelhaften und politisch tendenziösen russischen Statistik ein umfassendes Gesamtbild der russischen Wirtschaft zu geben"; trotzdem war ihre Studie wertvoll, da Europa ein lebhaftes Interesse am Wirtschaftsleben der Sowjetrepubliken hatte.

Mit dem Aufstieg Stalins und dem Fall der revolutionären Demokratie zogen sich die Petroffs aus der kommunstischen Partei zurück und agierten ab 1930 gegen die Bedrohung der internationalen Arbeiterbewegung durch die Nationalsozialisten. In den Wochen nach dem Reichstagsbrand gingen Irma und Peter Petroff - beide waren jüdischer Herkunft - in den Untergrund, wechselten mit ihren zwei kleinen Töchtern (geboren 1922 und 1924) die Unterkünfte und schickten die Kinder schließlich über Paris nach London, wo sich Sylvia Pankhurst um sie kümmerte und ihnen Schulplätze besorgte: die jüngere, Diana, wurde in der reformpädagogischen "Dartington Hall School" in South Devon aufgenommen, die ältere, Millie, besuchte die "West Ham High School" in London. Sylvia Pankhurst hatte die Petroffs kurz nach der russischen Revolution in Moskau kennengelernt und hatte auch nach ihrer Flucht aus Deutschland Kontakt mit ihnen.

Irma und Peter Petroff, beide staatenlos, bekamen für sechs Monate einen französischen Fremden-Reisepass und erhielten schließlich eine Einreisegenehmigung für Großbritannien.

In ihrer Zeit in Deutschland hatte das Paar bereits an einem Text über die Ursachen des deutschen Faschismus gearbeitet und boten ihn nun der Hogarth Press an: im August 1934 erschien "The Secret of Hitler’s Victory" in einer Auflage von 1700 Stück.

1936 erhielten die Petroffs eine unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis; Peter Petroff schrieb bis zu seinem Tod 1947 Beiträge für die Trade Union Monatszeitschrift Labour und hielt Vorträge für das National Council of Labour Colleges (NCLC). Ihre älteste Tochter Margaret (Millie) heiratete 1944 Laurence Jones, beide waren Mitglied der kommunistischen Partei. Über Irma Petroffs weiteres Leben ist nur bekannt, dass sie weiterhin den antifaschistischen Kampf unterstützte, gegen den Russisch-Deutschen Nichtangriffspakt war, für den russischen Einmarsch in Finnland, und an den Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland glaubte.

1955 stellte sie Frank Tanner Material für die Geschichtsgruppe der Komunistischen Partei zur Verfügung, war zu dieser Zeit aber nicht Mitglied. Auch Walter Kendall unterstütze sie mit Material für sein 1969 erschienes Buch "The Revolutionary Movement in Britain, 1900–1921" (Weidenfeld & Nicholson). Im März 1968 war sie Mitglied der Parliament Hill Fields Communist Party Branch. Sie war befreundet mit Lavender Aaronovitch, der Frau des britischen Ökonomen Sam Aaronovitch, beide begeisterte Mitglieder der kommunistischen Partei.

Irma und Peter Petroff analysierten in "The Secrets of Hitler's Victory" die Gründe, warum es der Sozialdemokratie nicht möglich war, die gefährliche Entwicklung des Nationalsozialismus aufzuhalten. Von den Nationalsozialisten wurde das Buch 1938 auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.


Irma und Peter Petroff - Veröffentlichungen (Auswahl):

Die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion. Hg. von der Handelsvetretung der UdSSR in Deutschland. Berlin 1926

The Secret of Hitler's Victory. Hogarth Press, London 1934


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Gerd Koenen: "Rom oder Moskau". Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands 1914–1924. Diss. Tübingen, 2003 (pdf)

Social History Society. Newsletter, August 2012, Issue 3, Vol 1, New Series (pdf)

Richard Pankhurst: Sylvia Pankhurst‬: ‪Counsel for Ethiopia. A Biographical Essay on Ethiopian, Anti-fascist and Anti-colonialist History, 1934-1960‬. Tsehai Publishers, 2003

www.historicalmaterialism.org/conferences/annual10/submit/in-and-out-of-the-swamp-the-unpublished-autobiography-of-peter-petroff

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en.wikipedia.org/wiki/Peter_Petroff_(communist)

www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/02619288.1983.9974560#.VMpIfoXyvKQ

www.marxists.org/archive/petroff/1934/hitlers-secret.htm

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www.archivesportaleurope.net/ead-display/-/ead/pl/aicode/NL-AmISG/type/fa/id/http_COLON__SLASH__SLASH_hdl.handle.net_SLASH_10622_SLASH_ARCH04330

www.dartington.org/archive/

ecitydoc.com/download/the-partys-suicide-and-umpteenth-post-mortem_pdf