JEAN MARGARET STEWART

1903 - 1997

 

Sprachwissenschaftlerin, Übersetzerin

 

 

Jean Margaret Stewart stammte aus einer angesehenen Cambridger AkademikerInnenfamilie: Ihre Mutter Jessie Graham Crum* (geb. 1878) stammte aus einer alten schottischen Familie; sie war hochbegabt und studierte - für eine junge Frau ihrer Generation selten - Altphilologie am Newnham College in Cambridge; erfolgreich im Studium gehörte sie zu den LieblingsstudentInnen der Altertumswissenschaftlerin Jane Ellen Harrison. Ihr Vater Hugh Fraser Stewart (1863–1948) hatte am Trinity College in Cambridge studiert, war Dekan am St. John’s College, lehrte am Trinity College Romanistik und trug wesentlich dazu bei, das Studium neuer Sprachen in Cambridge zu etablieren; darüber hinaus war er ein international anerkannter Experte für das Werk von Blaise Pascal.

Wohnsitz der Familie war Malting House am Newnham Pond, das Jessie Stewart von ihren Eltern 1901 zur Hochzeit bekam. Das Anwesen lag am Fluss und bestand aus mehreren, heruntergekommenen Gebäuden, die restauriert und - beeinflusst von der Arts & Crafts Bewegung - zwischen 1902 und 1909 umgebaut wurden; nachdem bei Hugh Fraser Stuart eine Tuberkolose-Erkrankung festgestellt worden war, übersiedelte die Familie in ein höher gelegenes Cottage, das gegenüber dem Girton College (Girton Gates, Huntingdon Road) lag; nach dem Tod von Jeans Vater (1948) wohnten Jessie Graham Stewart und Teile der Familie wieder in Malting House.

Die Stewarts waren sehr sozial eingestellt und zeigten ihren Kindern, dass es außerhalb ihrer geschützten Umgebung auch ein Leben in Armut und Entbehrung gibt. Jeans Mutter engagierte sich unermüdlich in Hilfsprojekten, kümmerte sich im Ersten Weltkrieg und danach um Flüchtlinge, leitete einen Mädchenclub und spielte eine wichtige Rolle in der Cambridger Gesellschaft.

Jean Stewart war die älteste von fünf Geschwistern**, die alle hochbegabt und musikalisch waren: Katherine (Caitin) Fraser Stewart, Ludovick Drumin Stewart, Frideswide (Frida) Francis Emma Stewart und Margaret Campbell Stewart.

Jean Stewart studierte ab 1923 "Modern and Medieval Languages" am Newnham College und erhielt einen Lehrauftrag in Cambridge. Im Mai 1931 erschien in der Hogarth Press "Poetry in France and England"; beginnend mit der Renaissance stellt sie die Entwicklung der Dichtkunst in Frankreich und England bis zum Ende des 19. Jahrhunderts einander gegenüber, wobei ihr Hauptinteresse weniger an der Dichtung selbst lag als vielmehr daran, nachzuzeichnen, was das Wort Dichtung für die Poeten und ihre Generation bedeutete.

Nach ihrem Studium wuchs ihr Interesse an englischer/amerikanischer Literatur und sie ging mit einem Stipendium des "Harkness Commonwealth Fund" in die USA; sie studierte an der University of California in Berkeley, beschäftigte sich intensiv mit den Werken von William Faulkner und schrieb in dieser Zeit den Artikel "The Novels of William Faulkner", der im März 1933 in der Cambridge Review veröffentlicht wurde und eine erste Würdigung des Autors in England darstellte. Während einer Rundreise durch die USA lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, den Biochemiker Jim Pace, der ebenfalls ein Harkness Stipendiat war. Jim Pace stammte aus einer Arbeiterfamilie, war ein exzellenter Wissenschaftler, während des Krieges Mitarbeiter am Ernährungsprogramm, zog sich aber aus der Forschung zurück und arbeitete im Bereich der Mehlerzeugung. Auch Jean zog sich aus dem Wissenschaftsbetrieb zurück und führte mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern ein eher häusliches Leben in Harpenden, einer Kleinstadt nördlich von London.

1937 übersetzte sie gemeinsam mit ihrem späteren Schwager, dem Mikrobiologen B.C.J.G. Knight (Pseudonym: Jonathan Kemp) ausgewählte Schriften von Denise Diderot - mit spürbaren marxistischen Einschlag. Danach widmete sie sich ihrer Familie: ihre Töchter Claire und Judy studierten beide am New Hall College in Cambridge; Claire - von ihrem Schwager Bernal als sehr talentiert und ernsthaft beschrieben - war geistes- und kulturwissenschaftlich orientiert und spezialisierte sich auf die Übersetzung von kunstwissenschaftlichen Büchern (z. B. "Mario Bussagle: Bosch. The Life and Work of the Artist" oder "Jules Leroy: Ethiopian Painting, in the Late Middle Ages and During the Gondar Dynasty"), Judy konnte wegen ihres mäßig erfolgreichen Chemiestudiums nicht weiter Biochemie studieren und entschloss sich für Zoologie, ein Studium, das sie erfolgreich 1961 abschloss. Mit ihrem Mann, den Sinologen Martin Bernal, zog sie 1960 in ein Loft am Anwesen von Malting House, das von ihrer Großmutter Jessie für die beiden eingerichtet wurde.

Jean Stewart begann - nach längerer Unterbrechung - wieder an Übersetzungen zu arbeiten und wurde dank ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse und ihres Sprachgefühls eine erstklassige Übersetzerin. Mit ihrem Schwager Knight übersetzte sie Stendhals Autobiographie (1958), in ihrer Einführung gingen sie auf das Verhältnis von Stendhal zu seinen Geliebten ein und beleuchteten seine Einstellung gegenüber Frauenbewegung, Erziehung und Gesellschaft. Sie übersetzte ab den frühen 60-er Jahren einen Großteil der Romane von Georges Simenon, die Werke einer Reihe von französischen Autoren wie Jean de la Bruyére, Michel Butor, Francoise Mauriac und Emile Zola, schrieb Einleitungen und war als Herausgeberin tätig wie z. B. der Briefe von Eugene Delacroix. An Übersetzungen von Sachbüchern ist die Virginia Woolf-Biografie von Jean Guignet zu erwähnen, eine T. S. Eliot-Biografie von Georges Cattaui - ihre Eltern waren mit T. S Eliot befreundet -, Bücher über die Erstürmung der Bastille (Jacques Godechot), über Imperialismus und Revolution in Ägypten (Jacques Berque) und über das Werk von Giacometti (Yves Bonnefoy).

1968 erhielt sie den "Scott Moncrieff Prize" für die Übersetzung von "Jacques Godechot: French North Africa. The Maghrib Between Two World Wars", 1971 wurde sie Zweitplazierte für die Übersetzung von Francoise Mauriacs "Maltaverne".

 

Jim Pace starb 1968, Jean Stewart Pace überlebte ihn um fast dreißig Jahre.

 

*Jessie Graham Stewart war nicht nur eine hervorragende Wissenschaftlerin sondern auch eine begabte Zeichnerin und Illustratorin; für die Veröffentlichungen von Jane Ellen Harrison, fertigte sie zahlreiche Zeichnungen von Inschriften, Münzen, Skulpturen und Vasen an; 1959 veröffentlichte sie "Jane Ellen Harrison. A Portrait from Letters" (The Merlin Press, London 1959), eine Biografie, die weniger auf das Werk einging als auf die Wirkung und den Einfluss von Harrison auf Freunde und Studierende.

 

** Geschwister:

Katherine (Caitin) Fraser Stewart (1906–2006) studierte Altphilologie, war Musikerin, Organisatorin von Gesangsgruppen und Autorin ("The Masonic Thread of Mozart"); gemeinsam mit ihrer Schwester Frida erlebte sie während eines Studienaufenthaltes in Deutschland den aufkommenden Faschismus, ein Erlebnis, das sie für ihr Leben politisierte. Sie heiratete 1934 den Linguisten George Thomson (1903–1987), der - obwohl Engländer - als Sinn Fein Anhänger sich für die Irische Sprache begeisterte, dann Marxist wurde und schließlich Maoist. Die beiden hatten drei Töchter.

Ludovick Drumin Stewart (1908–1999) studierte Musik, war Lehrer und Landesmusikdirektor von Cambridgeshire. Er heiratete 1933 die Medizinerin Alice Mary Stewart (geb. Naish), eine Spezialistin für Epidemiologie in der Sozialmedizin.

Frideswide (Frida) Francis Emma Stewart (1910–1996) war eine begabte Musikerin und lernte ab ihrem 8. Lebensjahr Klavier und Violine; mit ihre Schwester Caitin studierte sie in Frankfurt, wo sie die faschistischen Aufmärsche und die Verfolgung von Kommunisten durch die Nazis erleben musste; bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges organisierte sie ein Flüchtlingshilfe-Komitee und fuhr 1937 mit einem Krankenwagen nach Spanien, um Flüchtlingskindern zu helfen. Zurück in England organisierte sie Konzerte im ganzen Land, deren Ertrag baskischen Flüchtlingskindern zugute kam. Sie ging nach Frankreich um an der Sorbonne zu studieren, wurde 1940 nach Einmarsch der Nationalsozialisten verhaftet und konnte mit Hilfe der Resistance nach über einem Jahr fliehen. 1944 heiratete sie den Mikrobiologen B.C.J.G. Knight, der ein großer Frankreichliebhaber war und ein anerkannter Stendhal-Kenner; die beiden hatten vier Kinder. Sie schrieb - nun als Frida Knight - u. a. mehrere Musikerbiografien, eine Studie über die französische Widerstandsbewegung und betätigte sich als Übersetzerin.

Margaret Campbell Stewart (geb. 1912, später verh. Wilson) war ebenso wir ihre Schwester Frida im Spanischen Bürgerkrieg engagiert, sie war Mitarbeiterin des liberalen Angeordneten Wilfrid Roberts, auch "MP for Spain" genannt, und arbeitete als Journalistin.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Martin Bernal: Geography of Life. Xlibris Corporation, Ebook 2012

Angela Jackson: British Women and the Spanish Civil War.Routledge, 2003

Mary S. Serjeantson (Ed.): Annual Bibliography of English Language and Literature. Volume XII, Cambridge University Press 1931

John E. Bassett: William Faulkner. Psychology Press, 1997

Edward Shils / Carmen Blacker: Cambridge Women: Twelve Portraits. Cambridge University Press, 1996, S. 63f

Jane Ellen Harrison: Prolegomena to the Study of Greek Religion. Cambridge University Press, 1908 (archive.org)

The Cambridge University Calender for the Year 1923-1924, Suche: Stewart: krishikosh.egranth.ac.in/bitstream/1/2051045/1/IARIHDD8-00112.pdf

en.wikipedia.org/wiki/Hugh_Fraser_Stewart

archiveshub.jisc.ac.uk/search/archives/931d8d93-ea16-3a4b-97c1-ac5b40de8f48

Jessie Stewart: special.lib.gla.ac.uk/manuscripts/search/results_n.cfm?NID=5711&RID=&Y1=&Y2=&M=001

en.wikipedia.org/wiki/Frida_Knight

www.grahamstevenson.me.uk/index.php?option=com_content&view=article&id=334:frida-knight&catid=11:k&Itemid=101

www.grahamstevenson.me.uk/index.php?option=com_content&view=article&id=579:katherine-thomson-&catid=20:t&Itemid=128

britishlistedbuildings.co.uk/101126149-the-malting-house-cambridge#.W7jFDoUzQuE

www.trussel.com/maig/translat.htm

readingzola.wordpress.com/category/translators/stewart-jean/

www.societyofauthors.org/Prizes/Translation-Prizes/Scott-Moncrieff/Past-winners

worldcat.org/identities/lccn-n79095255/

www.worldcat.org/title/poetry-in-france-and-england/oclc/1908201

catalogue.nla.gov.au/Record/2322728

academic.oup.com/res/article-abstract/os-IX/33/115-b/1542167

Malting House in Cambridge

 

Malting House und die dazugehörenden Häuser gelten als frühes Beispiel für den Umbau von Industriegebäuden zu privaten Wohnhäusern.

Zwischen 1924 und 1929 war hier eine progressive Schule untergebracht, deren Leiterin die Psychologin Susan Isaacs, eine Melanie Klein-Anhängerin, war. 
www.geograph.org.uk/reuse.php?id=2700879. Photo © Roger Kidd (cc-by-sa/2.0)


"Poetry in France and England", 160 Seiten und in Leinen gebunden, erschien in einer Auflage von 2750 Stück, davon wurden 250 ungebundene Garnituren an den Verlag Harcourt, Bace & Co. nach New York geschickt; im Programm des Verlages waren auch Virginia Woolf, T. S. Eliot und andere renommierte Autoren .


Übersetzungen, Einleitungen, Herausgabe:


Jean Stewart - Veröffentlichungen:

Poetry in France and England. Hogarth Lectures on Literature, First Series, No. 15. Hogarth Press, London 1931

The Novels of William Faulkner. Cambridge Review, 10 March 1933, p. 310-12

 

Jean Stewart - Übersetzungen, Einleitungen, Herausgabe (Auswahl):

(gem. mit dem Herausgeber Jonathan Kemp) Denise Diderot: Interpreter of Nature. Selected Writings. Lawrence and Wishart, London 1937

Emile Zola: Zest for Life. Elek Books, London 1955

Emile Zola: A Love Affair. Elek Books, London 1957

Michel Butor: Second Thoughts. Faber and Faber, London 1958

(gem. mit B.C.J.G. Knight) Life of Henry Brulard. The Autobiography of Stendhal. Merlin Press, London 1958

Michel Butor: Passing Time. Simon and Schuster, New York 1960

Jacques Berque: The Arabs. Their History and Future. Faber and Faber, London 1964

Jean Guignet: Virginia Woolf and her Works. Hogarth Press, London 1965

(gem. mit Claire Pace) Georges Cattaui: T. S. Eliot. The Merlin Press, London 1966

Jacques Berque: French North Africa. The Maghrib Between Two World Wars. Faber and Faber, London 1967

Eugene Ionesco: The Colonel’s Photograph. Faber and Faber, London 1967

Jean de la Bruyere: Characters. Penguin Books, 1970

Francoise Mauriac: Maltaverne. Eyre & Spottiswode, London 1970

Eugène Delacroix: Selected Letters 1813-1863. Eyre and Spottiswoode, 1971

Jacques Berque: Egypt. Imperialism and Revolution. Faber and Faber, London 1972

Louis Aragon: Matisse, A Novel. Harcourt Brace Jovanovich, New York 1972

Yves Bonnefoy: Alberto Giacometti. A Biography of His Work. Flammarion, Paris 1991

Yves Bonnefoy: The Lure and the Truth of Painting: Selected Essays on Art. University of Chicago Press, 1995

Übersetzungen von Romanen Georges Simenons:

Maigret's Memoirs / Maigret's Dead Man / Maigret Mystified / Maigret and the Dosser / Maigret and the Millionaires / Two Bodies on a Barge / Monsieur Monde Vanishes / The Mysterious Affair in the Boulevard Beaumarchais / The Open Window / Mr. Monday / Jeumont, 51 Minutes Stop / Death Penalty / In the Rue Pigalle / Maigret's Mistake / Madame Maigret's Admirer / The Drowned Men's Inn / At the Étoile du Nord / Storm in the Channel / Mademoiselle Berthe and her Lover / The Three Daughters of the Lawyer / The Man in the Street / Sale by Auction / Maigret's Pipe / Maigret in Retirement / Death of a Nobody / The Evidence of the Altar-Boy / Maigret and the Surly Inspector / Death of a Woodlander / The Old Lady of Bayeux / Stan the Killer / The Most Obstinate Customer in the World / Maigret's Christmas u.a.m.