JOAN RIVIERE

28. Juni 1883 - 20. Mai 1962

 

Psychoanalytikerin, Übersetzerin, Modellschneiderin

 

 

Joan Hodgson Rieviere nahm eine wichtige Position in den institutionellen Anfängen der Psychoanalyse in Großbritannien ein und war eine ihrer zentralen Figuren.

Joan wurde in Hove, westlich von Brighton (52 Brunswick Square), Sussex, geboren und hatte zwei jüngere Geschwister, Mary (Molly) Willoughby Hodgson Verrall und Hugh Cuthbert Hodgson Verrall. Ihre Mutter Anna Hodgson Verrall stammte aus Bedfordshire - ihr Vater war Gemeindepfarrer von Chalgrave - und arbeitete vor ihrer Ehe als Gouvernante. Obwohl sie die Higher Local Examinations in Cambridge absolvierte, hatte sie keine intellektuellen Interessen - ein Grund für die angesehene Akademikerfamilie Verrall, auf sie herabzuschauen; ihre Hauptaufgabe sah sie in der perfekten Organisation des Haushalts und das erwartete sie auch von ihren Töchtern. Joans Vater, Hugh John Verrall, zu dem sie eine sehr enge Bindung hatte, war ein sozial engagierter Rechtsanwalt, der auch im Gemeinderat tätig war.

Joan wurde von ihrer Mutter unterrichtet und besuchte dann das angesehene Mädchenpensionat Wycombe Abbey in Buckinghamshire, eine Schule, die das gegenseitige Verständnis förderte und auf die Talente der Schülerinnen einging, in der sich Joan aber nicht wohl fühlte. Mit siebzehn wurde sie nach Deutschland geschickt, kam zu einer Familie in Gotha und lernte Deutsch. Nach nur einem Jahr beherrschte sie die Sprache so perfekt, dass sie später die Schriften Sigmund Freuds in ein flüssiges, präzises und ausdrucksstarkes Englisch übersetzten konnte.

Künstlerisch begabt - vor allem in Entwurf und Design -, arbeitete Joan nach ihrer Rückkehr aus Deutschland für das Schneideratelier Nettleship, das sich durch die Theaterschneiderin Ada Nettleship einen Namen gemacht hatte, deren Kunden z. B. Ellen Terry und Henry Irving - beide berühmte Shakespeare-Interpreten - waren.

Obwohl Joan nicht studierte, bekam sie durch ihre Tante Margaret de Gaudrion Verrall und ihren Onkel Arthur Woollgar Verrall, beide Professoren für Altphilologie in Cambridge (Newnham Colllege bzw. Trinity College) Zugang zur akademischen Gesellschaft; sie wurde in ihrer intellektuellen Entwicklung gefördert und entwickelte hohe Ansprüche an sich selbst aber auch an andere. Im Hause Verrall kam sie auch in Kontakt mit der Society for Psychical Research und im weiteren Sinn mit den Lehren Sigmund Freuds.

Am 14. Juli 1906 heiratete Joan den Londoner Anwalt Evelyn Riviere, Sohn des zu seiner Zeit bekannten Malers Briton Riviere; das Paar bezog ein Haus am 16 York Place in London, wo 1908 ihre Tochter Diana geboren wurde; 1910 übersiedelte die Familie nach 10 Nottingham Terrace. Ein Jahr zuvor, im Mai 1909, war Joans Vater im Alter von 54 Jahren verstorben: der Verlust verursachte einen psychischer Zusammenbruch, dem häufige Erkrankungen mit Sanatoriumsaufenthalten folgten.

Joan bewegte sich in dieser Zeit auch im Umkreis der Bloomsbury-Gruppe, die sie vor allem in künstlerischer Hinsicht faszinierte: 1913 nahm sie an den von Vanessa Bell und Roger Fry organisierten Omega-Workshops teil und hatte Kontakt mit Walter Sickert, Enid Bagnold, E. M. Forster, Ottoline Morrell u. a.

1916 begann sie eine Analyse bei Ernest Jones mit anschließender Lehranalyse, durch die sie die erste nicht-ärztliche Analytikerin Großbritanniens wurde. 1919 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der British Psycho-Analytical Society und veröffentlichte ein Jahr später ihre erste Übersetzung eines Textes von Sigmund Freud in der neu gegründeten Zeitschrift International Journal of Psycho-Analysis (IJP). Sowohl ihre Übersetzungen als auch ihre eigenen Texte zeichneten sich durch einen lebendigen und literarischen Stil aus. 1921 wurde sie Mitglied eines Komitees, das psychoanalytische Fachbegriffe in der englischen Sprache festlegte; darüber hinaus wurde sie auf Betreiben Freuds, der sie wegen ihrer intellektuellen Fähigkeiten überaus schätzte, Übersetzungsredakteurin von IJP, eine Tätigkeit, die sie bis 1937 ausübte.

Wegen zunehmender Meinungsverschiedenheiten, die auch mit privaten Gefühlen zu tun hatten, brach Joan ihre Analyse bei Ernest Jones ab und begann 1922 eine Analyse bei Sigmund Freud in Wien, die allerdings nicht lange dauerte, da ihrer Meinung nach Freud in ihr eher die Übersetzerin als die Klientin sah. Gemeinsam mit James und Alix Strachey übersetzte sie Freuds "Collected Papers", die - erstmals auf englisch - ab 1924 in der Hogarth Presse in Zusammenarbeit mit The International Psycho-Analytical Press erschienen. James Strachey kannte Joan schon aus der Zeit vor ihrer Ehe: er war Student bei ihrem Onkel Verrall und nahm wie sie an den regelmäßigen Sonntagstreffen bei den Verralls teil, an denen sich die intellektuellen Cambridger Kreise zum Gedankenaustausch einfanden.

Beim 6. Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1920 in Den Haag und beim 8. Kongress 1924 in Salzburg traf sie Melanie Klein und es entwickelte sich eine enge Freundschaft und intensive Arbeitsbeziehung zwischen den beiden Frauen. Da Melanie Klein in der Kinderanalyse eine andere Lehrmeinung als Anna Freud vertrat und Joan Riviere sich dieser Meinung eher anschloss, kam es zu Differenzen mit Sigmund Freud. Nachdem sie anlässlich des Londoner Symposiums über Kinderanalyse (1927) die Standpunkte Anna Freuds kritisiert hatte, warf ihr Sigmund Freud eine Irrealisierung der Analyse vor.

1929 organisiertes Joan Riviere gemeinsam mit der Psychiaterin Sylvia Paine den 11. Internationalen Kongress in Oxford, 1930 wurde sie offiziell Lehranalytikerin; als Mitglied des Ausbildungskomitees des British Institute of Psycho-Analysis hielt sie regelmäßig Vorlesungen und Seminare, oft auch gemeinsam mit Melanie Klein. Obwohl ihr in Wien gehaltener Vortrag "Zur Genese des psychischen Konfliktes im frühen Lebensalter" und der daraus entstandene Text den Ansatz Melanie Kleins als herausragend beschreibt, versuchte sie eine Verbindung der Kleinianischen und Freudianischen Theorien zu finden, wobei ihr die Gruppe der KleinianerInnen näherstand. 1937 zog sie sich langsam aus den offiziellen Tätigkeiten der British Psycho-Analytical Society zurück, stand aber im Hintergrund beratend und analysierend bei Konflikten zur Verfügung.

Nach dem Tod ihres Ehemannes, der im Februar 1945 an einer Krebserkrankung starb, legte sie alle ihre Ämter nieder und zog sich in ihr Landhaus nach Sussex zurück. Dort konzentrierte sich auf ihre eigene wissenschaftliche Arbeit und versuchte anhand von Literaturbeispielen eine psychoanalytische Interpretation.

Im Mai 1962 starb Joan Riviere in ihrem Haus an den Folgen eines Lungenemphysems.

 

Joan Riviere publizierte fast ausschließlich in den fachspezifischen Zeitschriften International Journal of Psychoanalysis bzw. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod erschienen ihre gesammelten Schriften: 1991 "The Inner World and Joan Riviere. Collected Papers 1920–1958", herausgegeben von Ted Hughes und 1996 "Joan Riviere. Ausgewählte Schriften" herausgegeben von Lilli Gast.

Zu ihren frühen und wohl bekanntesten Arbeiten zählt ihr Text "Weiblichkeit als Maske", der 1929 sowohl auf englisch als auch auf deutsch erschien: sie beschreibt darin die Strategie der intellektuellen Frau, die Maske der Weiblichkeit aufzusetzen, die sie in einer männlichen Berufswelt davor bewahren soll, Ablehnung oder Bestrafung zu erfahren. Der Text wurde von Feministinnen der 70-er und 80-er Jahre aufgegriffen und hat seine Aktualität nicht verloren.

In ihrem 1932 publizierten Aufsatz "Jealousy as a Mechanism of Defence" beschäftigt sie sich mit der krankhaften Eifersucht und führt diese auf den Neid der Urszene zurück.

Im November 1937 veröffentlichte die Hogarth Press ihr gemeinsam mit Melanie Klein geschriebenes Buch "Love, Hate and Reparation". Es ging aus einer Vorlesung der beiden am British Institute of Psycho-Analysis hervor und erschien als Band 2 der Reihe "Psycho-analytical Epitomes". Der Band hatte eine Auflage von über 1600 Stück, war in schwarz bedrucktes graues Leinen gebunden und hatte einen schwarz bedruckten cremefarbenen Schutzumschlag.

"In zwei aufeinander bezogenen und sich ergänzenden Beiträgen zeigen Melanie Klein und Joan Riviere, wie die menschlichen Gefühle und Verhaltensweisen in allen Lebensphasen von dem Urkonflikt zwischen Liebe und Hass weitgehend bestimmt werden. Joan Riviere behandelt dabei vornehmlich den Hass und die mit ihm verknüpften Aggressionen von deren frühkindlichen Formen bis zu ihren Erscheinungen im Gefühlsleben Erwachsener. Sie beschreibt, wie erst das Abreagieren, Ablenken und Absichern der destruktiven Kräfte zusammen mit der komplizierten Anpassung an den entgegengesetzten Primärtrieb, die Liebe, über die emotionale Entwicklung des Menschen und über das Maß seiner Lebenssicherheit und Lustausbeute entscheiden. Melanie Klein geht in ihrem Beitrag stärker auf die Triebkraft der Liebe und die Entwicklung zur Liebesfähigkeit der Erwachsenen ein. Sie zeigt, wie sich aus frühkindlicher Aggression Schuldgefühle - und davon ausgelöst Ängste und mit ihnen einhergehende Verzweiflung und Trauer - entwickeln. Deren Ausgleichung durch die Entwicklung des Dranges nach Wiedergutmachung ermöglichen dann die Entstehung befriedigender Beziehungen zu geliebten Menschen, deren Kreis sich allmählich erweitert sowie die Ausbildung konstruktiver Interessen. Zusammen stellen die Autorinnen klar und leicht verständlich dar, wie das Maß der Nichtbewältigung dieses ,Urkonfliktes’ zwischen Liebe und Hass über unsere psychischen Störungen entscheidet und wie die lebenslang immer neu zu leistende Bewältigung dieses Urkonfliktes uns befähigt, in Frieden mit uns und den anderen zu leben und im wahren Sinne des Wortes lieben zu können." (Klappentext dt. Ausgabe: Liebe, Hass und Schuldgefühl)

In ihrem 1945 veröffentlichten Text "The Bereaved Wife", der sich mit der Trauerarbeit von Kriegswitwen beschäftigt, dürfte auch die Verarbeitung des Verlustes ihres verstorbenen Ehemannes mit eingeflossen sein.


Literatur- und Quellennachweise:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

J. H. Willis, Jr.: Leonard and Virginia Wolf as Publishers. The Hogarth Press 1917–1941. University Press of Virginia. Charlottesville and London, 1992

Athol Hughes (Ed.): The Inner World and Joan Riviere. Collected Papers, 1920-1958. Karnac Books, London - New York 1991

Lilli Gast: "Ein gescheites. überscharfes Frauenzimmer ...". Joan Riviere - die Grande Dame der englischen Psychoanalyse. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Nr. 37, Salzburg 1996

Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotha, 1993

Stephen Heath: Joan Riviere and the Masquerade. In: Victor Burgin, James Donald, Cora Kaplan (Ed.): Formations of Fantasy. Routledge, London and New York 1986

Marilyn Ogilvie, Joy Harvey: The Biographical Dictionary of Women in Science. Pioneering Lives From Ancient Times to the Mid-20th Century. Routledge, London and New York 2003

www.wikitree.com/genealogy/Verrall-Family-Tree-46

www.psychoanalytikerinnen.de/england_biografien.html#Riviere

oxfordindex.oup.com/view/10.1093/ref:odnb/51058

www.neuewelt.at/archived_site/archiv/2000_alteNummern/A-2005-04_05.php: Petra M. Springer: Weiblichkeit der Maske. Die Freud-Schülerin Joan Riviere

www.melanie-klein-trust.org.uk/riviere

www.freud.org.uk/2015/11/20/psychotherapy-biography-unnatural-bedfellows/


Bildnachweis:

Jane Frances Dove 1909: commons.wikimedia.org/wiki/File:JaneFrancesDove1909.tif / By Paul Thompson

Joan Riviere um 1928: alchetron.com/Joan-Riviere#demo

Joan Riviere 1952: commons.wikimedia.org/wiki/File:Joan_Riviere_1952.jpg

1896 wurde die angesehene Mädchenschule Wycombe Abbey in Buckinghamshire (oben) von der Frauenrechtlerin Jane Frances Dove (links) gegründet; Dove, ehemalige Studentin des Girton College,  hatte vor der Gründung Leitungsfunktionen im Cheltenham Ladies College und in der St. Leonards School in St. Andrews. Die Schule startete mit 40 Schülerinnen, eine Zahl die sich bis 1910 auf 230 erhöhte. Vorrangiges Ziel der Schule war es, die Mädchen zu mündigen Staatsbürgerinnen zu erziehen; es wurde großer Wert auf Sport gelegt (Schwedische Gymnastik), die Mädchen wurden mit Gartenarbeiten und Tischlerei vertraut gemacht, und ihre Körper durch tägliche kalte Bäder und ungeheizte Schlafräume abgehärtet. Kleidung und Aussehen waren weniger wichtig.


Joan Riviere um 1928 und 1952



1924 entschloss sich die Hogarth Press in Zusammenarbeit mit dem Institute of Psycho-Analysis zur Veröffentlichung von Publikationen der International Psycho-Analytical Library (IPL); herausgegeben wurde IPL von Ernest Jones unter Mitarbeit von James Strachey. Dieser Entschluss war ein Wendepunkt in der Geschichte des Verlages und machte ihn international bekannt. Leonard und Virginia Woolf waren für die nächsten zwölf Jahre die einzigen Verleger, die Freuds Werk in englischer Sprache veröffentlichten. Neben den Werken Freuds erschienen u. a. Schriften von Karl Abraham, Helene Deutsch, Sandor Ferenczi, Anna Freud, Ernest Jones, Melanie Klein, Ella Freeman Sharpe und Theodor Reik. Im Rahmen der Zusammenarbeit erschien 1937 und 1939 die von John Rickman herausgegebene Reihe "Psycho-Analytical Epitomes", die nur vier Veröffentlichungen hatte, darunter die Nr. 2: Melanie Klein & Joan Riviere: Love, Hate  and Reparation.
Joan Riviere übersetzte für die Hogarth Press "Sigmund Freud: The Ego and the Id" (1927) und war verantwortlich für die Übersetzung (Joan Riviere, Alix Strachey, James Strachey) von Freuds "Collected Papers" die 1924/25 in vier Bänden erschienen.


Joan Riviere - Veröffentlichungen (Auswahl):

Symposium on Child Analysis. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 8, 1927

Womanliness as a Masquerade. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 10, Heft 2-3, 1929 / Weiblichkeit als Maske. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago, Bd. 15, Heft 2-3,1929

Jealousy as a Mechanism of Defence. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 13, 1932 / Eifersucht als Abwehrmechanismus. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago, Bd. 22, 1936

On the Genesis of Psychical Conflict in Earliest Infancy. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 17, 1936 / Zur Genese des psychischen Konfliktes im frühen Lebensalter. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago, Bd. 22, 1936

A Contribution to the Analysis of the Negative Therapeutic Reaction. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 17, 1936

Hate, Greed and Aggression. In: Melanie Klein & Joan Riviere: Love, Hate and Reparation. Hogarth Press / The Institute of Psycho-Analysis, London 1937 / Haß, Gier und Aggression. In: Melanie Klein und Joan Riviere: Seelische Urkonflikte. Liebe, Haß und Schuldgefühl. Kindler, München 1974

The Bereaved Wife. In: Susan Isaacs (Hg.): Fatherless Children. London 1945

The Unconscious Fantasy of an Inner World as Reflected in Examples from Literature. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 33, 1952

The Inner World in Ibsen's Master-Builder. International Journal of Psychoanalysis, Bd. 33, 1952

A Character Trait of Freud's. In: J. M. Sutherland: Psycho-Analysis and Contemproaray Thought. London 1958

An Intimate Impression. In: Hendrik Ruitenbeek (Ed.): Freud as We Knew Him. Wayne State University Press, Detroit 1973

Athol Hughes (Ed.): The Inner World and Joan Riviere. Collected Papers 1920–1958. With Foreword by Hanna Segal. London / New York 1991

Lilli Gast (Hg.): Joan Riviere. Ausgewählte Schriften. Brandes & Aspel, Tübingen 1996

Ed. with Melanie Klein, Paula Heimann, Susan Isaacs: Developments in Psychoanalysis. London 1952

Biografie Joan Riviere:

Marion Bower: Behind the Masquerade. A Biography of Joan Riviere. Routledge, 2016