KATHLEEN CECILIA NOTT

11. Februar 1905 – 20. Februar 1999

 

Dichterin, Schriftstellerin, Journalistin, Philosophin

 

 

Kathleen (Kate) Nott wurde im Süden Londons, in Camberwell (61 St. Marys Road), geboren und war die dritte Tochter von Ellen Cecilia Nott, geb. Robb und Philip Augustus Nott, einem Litographie-Drucker; die Familie übersiedelte in den Nachbarbezirk Brixton, wo Ellen Nott ein Gästehaus leitete (23 Haycroft Road, Brixton Hill). Ihre beiden Schwestern Margaret Ellen und Dorothy Gertrude waren um acht bzw. sieben Jahre älter und die gesamte Familie sah in der kleinen Kathleen eine Art Wunderkind. Sie besuchte die Mary Datchelor Girl’s School, begann am King’s College zu studieren, bekam aber nach einem Jahr ein Stipendium am Somerville College in Oxford; sie studierte zuerst Englisch und wechselte dann zu Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften.

Während des Studiums schrieb sie bereits Gedichte und schickte sie an T. S. Eliot mit der Bitte um sein Urteil; seine nicht sehr aufmunternde Beurteilung - "schicken Sie mir in einem Jahr wieder etwas" - sah sie später als wohl überlegt und hilfreich an. Francis Henry King - Schriftstellerkollege und PEN Präsident - meinte in seinem Nachruf, dass sie mit hervorragenden Talenten ausgestattet war und in ihrer Familie der Paradiesvogel in einer Spatzenfamilie. Eine spätere Freundin aus PEN-Zeiten, die Schriftstellerin Hilde Spiel, erinnerte sich in ihren Memoiren, dass ihr die "kluge Kate" erzählte, im Gemeinschaftsraum des College die Erscheinung einer Nonne erblickt zu haben, die an diesem Ort im vorigen Jahrhundert gewaltsam ums Leben gekommen war, und meinte, dass auf den britischen Inseln auch Rationalisten lernen, sich mit Unerklärlichem abzufinden.

In Oxford lernte sie den Elektronik- und Computer-Ingenieur Christopher E. G. Bailey kennen und heiratete ihn 1929. In den 30-er Jahren war sie im Londoner East End als Sozialarbeiterin und Psychologin tätig; sie verarbeitete ihre Erfahrungen in ihrem ersten Roman "Mile End", der sich mit der jüdischen Arbeiterbewegung in East End und dem Sozialismus des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt. Leonard Woolf fand den Roman gut, Virginia Woolf bezeichnete ihn als packenden Arnold Bennett-Roman und John Lehmann, gerade neu in der Hogarth Press, wollte ihn - der ursprüngliche Titel lautete "Kabbalah" - als altmodisch ablehnen. Es wurde Rosamond Lehmann beratend hinzugezogen, die schließlich die Veröffentlichung empfahl. Mit dem Druck von "Mile End“ setzten die Woolfs ihre Überzeugung durch, dass es durchaus möglich sei, sowohl moderne, avantgardistische Literatur, als auch mittelmäßige, in realistischer Form geschriebene Romane zu publizieren und damit - in diesem Fall einer Frau - den Raum zur Veröffentlichung zu geben.

1939/1940 verbrachte Kathleen Nott wegen der Arbeit ihres Mannes einige Zeit in Holland, beide konnten das Land gerade noch vor Einmarsch der Deutschen verlassen: Kathleen Nott flüchtete mit dem letzten Flugzeug, ihr Mann schwamm zu einem Leuchtturm und wurde dort von einem Schiff gerettet. Die restlichen Kriegsjahre verbrachte das Paar in Bournemouth, wo Bailey als Wissenschaftler und Kathleen als Pädagogin für das Militär arbeiteten. Nach dem Krieg bekam Bailey eine gut dotierte Stelle in Schweden angeboten, die ihnen ein sorgloses, angenehmes Leben ermöglichte. Trotzdem ließ sich Kathleen Nott davon nicht blenden, sie sah die Schwachstellen im "sozialistischen Paradies" und enthüllte sie 1961 in ihrem Text "A Clean, Well-Lighted Place".

In den 50-er Jahren scheiterte die Ehe zwischen Christopher Bailey und Kathleen Nott. In ihrem Kummer widmete sie sich der Arbeit: 1959 wurde sie für zwei Jahre Präsidentin der Progressive League, einer von H. G. Wells und C. E. M. Joad gegründeten Organisation für Sozialreformen; von 1960 bis 1988 gehörte sie zum Herausgeberteam des PEN Bulletin of Selected Books (später PEN International), das es sich zur Aufgabe machte, Literatur aus weniger verbreiteten Sprachkreisen einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Für diese Aufgabe war Kathleen Nott wie geschaffen, den sie hatte ein breites Sprachwissen, ein lebhaftes Interesse an anderen Ländern und Kulturen und besuchte im Rahmen ihrer Arbeit die internationalen Treffen des PEN Clubs. 1975 übernahm sie für ein Jahr die Präsidentschaft der englischen PEN Zentrale - nach ihr wurde Stephen Spender Präsident - und blieb danach bis zu ihrem Lebensende Vizepräsidentin.

1977 wurde Kathleen Nott Fellow der Royal Society of Literature (FRSL), die jährlich vierzehn Mitglieder ernannte. Von 1979 bis zu ihrem Tod war sie Ehrenmitglied der Rationalist Press Association. Sie war auch Mitglied von The University Women's Club, British Humanist Association und der Society of Authors.

In den frühen 70-er Jahren übersiedelte Kathleen Nott nach Horsham in Westsussex, wo sie sich mit einer Freundin ein Haus teilte und die gemeinsame Liebe zur Gartenarbeit. Später lebte sie mit ihrer Schwester Margaret in Thornton Heath in Südlondon. Nach dem Tod ihrer Schwester 1985 erlitt Kathleen Nott einen Parkinson Anfall, sie war auch schon länger schwerhörig, fühlte sich von der Welt abgeschnitten und war über ihre körperlichen Gebrechen unglücklich. Ihre geistigen Fähigkeit und das klare Denken blieben ihr bis zu ihrem Tod. Sie starb mit 94 Jahren im Wemyss Lodge Residential Home Swindon, Wiltshire.

 

Kathleen Nott hatte viele Talente: sie schrieb Romane und Gedichte, philosophische, sozial- und gesellschaftskritische Werke, rezensierte, übersetzte aus dem Französischen und Italienischen, schrieb für zahlreiche Zeitschriften und war siebenundzwanzig Jahre Herausgeberin des PEN Bulletin of Selected Books.

In der Hogarth Press erschien im Oktober 1938 ihr erster Roman "Mile End" - mit 510 Seiten ein langer Roman; das Buch hatte eine Auflage von 1200 Stück, war in graues Leinen mit rotem Aufdruck gebunden und hatte einen von Elizabeth Irving Watson entworfenen, grauen, blau bedruckten Schutzumschlag. Es wurde im Times Literary Supplement besprochen: ein wenig distanziert, mit einem ausdrucksstarken individuellen Stil, in seiner intellektuellen Genauigkeit etwas gekünstelt; große Sensibilität in der Darstellung der jüdischen Religion, der messianischen Tradition und der Stimmung im Ghetto; von einer bewundernswerten, erzählerischen Kraft und Wärme.

Ihr 1947 in der Hogarth Press erschienene zweiter Roman "The Dry Deluge", handelt von einer utopischen Gesellschaft, in der phantastische Elemente mit lebendigem Realismus verbunden wurden. Die im selben Jahr veröffentlichte erste Gedichtsammlung "Landscapes and Departures" wurde positiv aufgenommen: qualitativ hochstehende, philosophische Texte vom Sinn des Lebens und des Todes, voll Vitalität aber etwas schwierig zum Lesen (Times Literary Supplement, 24 May 1947).

Mit ihrem 1953 erschienenen philosophischen Text "The Emperors Cloth. An Attack on the Dogmatic Orthodoxy of T. S. Eliot, Graham Greene, Dorothy Sayers, C. S. Lewis and Others" wurde Kathleen Nott einem größeren Kreis bekannt. Sie, eine Atheistin - Jean Paul Satre hielt sie für die einzige englische Existenzialistin -, kritisierte damit die gesamte "Moderne Schule der christlichen Literatur" und vertrat die Überzeugung, dass nicht Religion sondern Mythos und Poesie die notwendigen Gegenpole zu wissenschaftlichem Denken sind. Sie plädierte für eine Literatur, die auf dem Glauben an intellektuelle Freiheit gegründet ist und bezog in ihre Überlegungen die Probleme der Sprachphilosophie ebenso ein wie neue Erkenntnisse der Physik und Psychologie. In ihrem Stil verband sie Gründlichkeit mit Witz, Belesenheit mit Brillanz und Differenziertheit mit Verständlichkeit. Das Buch - Robert Neumann gewidmet - war auch Ergebnis ihres Engagements in der Kontroverse um St. Anne’s House in Soho, wo Dorothy L. Sayers im Rahmen von Vorträgen (T. S. Eliot, Lady Rhondda etc.) einen Treffpunkt für kirchenferne Londoner zu schaffen versuchte, wo man über christliche Werte diskutieren konnte; dabei wurde Sayers wegen ihrer elitären, konservativen Einstellung und ihrem Desinteresse an sozialen und politischen Fragen heftig kritisiert.

Zwei weitere Gedichtsammlungen erschienen 1956 und 1960: "Poems from the North" beschäftigte sich mit der Unvergänglichkeit der Natur, "Creatures and Emblems" versammelte satirische Texte. 1960 veröffentlichte sie ihren dritten Roman "Private Fires", dessen Schauplatz lose an die von ihrer Mutter geführte Pension in Brixton erinnert, gefolgt von ihrem letzten Roman "An Elderly Retired Man" (1963), die Geschichte der Selbstfindung eines ehemaligen Beamten.

An philosophischen Texten veröffentlichte Kathleen Nott 1969 "A Soul in the Quad", eine autobiografische Untersuchung der Beziehung von Dichtung zu Philosophie und Ethik, 1970 "Philosophy and Human Nature" und 1977 "The Good want Power". Eine letzte Sammlung von Gedichten erschien 1981: "Elegies, and Other Poems".

Kathleen Nott war Zeit ihres Lebens eine sehr produktive Frau; neben ihren Hauptwerken schrieb sie zahlreiche Aufsätze für Sammelbände, Artikel und Rezensionen für diverse Zeitschriften: von 1954 bis 1986 arbeitete sie hauptsächlich für den Observer, veröffentlichte aber auch in Zeitschriften wie Commentary, Encounter, The Listener, The Nation, New Society, Partisan Review, The Spectator, The Times u. a.

 


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Virginia Woolf: Tagebücher 5, 1936–1941, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008

Melissa Sullivan: The Middlebrows of the Hogarth Press: Rose Macaulay, E. M. Delafield and Cultural Hierarchies in Interwar Britain. In: Helen Southworth (Ed.): Leonard & Virginia Woolf. The Hogarth Press and the Networks of Modernism. Edinburgh University Press, 2012

Ingeborg Forssman: "Ich war schon immer ein robustes kleines Biest". Dorothy L. Sayers - Leben und Werk. Joh. Brendow & Sohn, Moers 2007

Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten. Erinnerungen 1911–1946.Paul List Verlag, München 1989

Hilde Spiel: Welche Welt ist meine Welt? Erinnerungen 1946–1989. Paul List Verlag, München 1990

The Letters of T. S. Eliot. Volume 3: 1926–1927. Faber & Faber, 2012

en.wikipedia.org/wiki/Kathleen_Nott

www.alanjeffrey.com/getperson.php?personID=I3914&tree=JWT

Francis King: Obituary: Kathleen Nott. In: The Independent / Thursday, 11 March 1999 (www.independent.co.uk/arts-entertainment/obituary-kathleen-nott-1079751.html)

Elizabeth Paterson: A Voice against the Tides of Fashion. The Guardian, Tuesday 23 February 1999 (www.theguardian.com/news/1999/feb/23/guardianobituaries1/print

digitalcollections.nypl.org/search/index?utf8=%E2%9C%93&keywords=Kathleen+Nott

www.datchelor.com/

knowyourlondon.wordpress.com/2015/06/09/mary-datchelor-school/

Die Mary Datchelor Girl's School wurde 1878 gegründet. 1725 hatte Lady Mary Datchelor eine große Summe zur Gründung einer Knabenschule hinterlassen, das Testament blieb aber 150 Jahre unbearbeitet liegen. Nach der Öffnung 1871 wurde beschlossen, mit dem Vermögen eine Mädchenschule in einem sozial schwachen Londoner Bezirk zu gründen. 1981 wurde die Schule geschlossen, da sich die Direktorin weigerte, eine gemischte Schule daraus zu machen.

Das Somerville College in Oxford  wurde 1879 zu Ehren der schottischen Mathematikerin Mary Somerville gegründet. Es gehörte zu den ersten Colleges, an denen Frauen einen offiziellen Abschluss erhielten.



Kathleen Nott - Veröffentlichungen (Auswahl):

Mile End. Hogarth Press, London 1938

The Dry Deluge. Hogarth Press, London / Oxford University Press, Toronto 1947

Landscapes and Departures. PL Editions Poetry, London 1947

The Emperor's Clothes. An Attack on the Dogmatic Orthodoxy of T. S. Eliot, Graham Greene, Dorothy Sayers, C. S. Lewis, and Others. Heinemann, London 1953 (dt.: Gottes eigene Dichter. Über Rechtgläubigkeit, ihre Ursachen und Folgen bei T. S. Eliot, Graham Greene, C. S. Lewis, Dorothy Sayers und anderen christlichen Schriftstellern. Szczesny, München 1965)

Poems from the North. Hand and Flower Press, Aldington Kent 1956

Private Fires. Heinemann, London 1960

Creatures and Emblems. Routledge and K. Paul, London 1960

A Clean, Well-lighted Place. A Private View of Sweden. Heinemann, London 1961

An Elderly Retired Man. Faber, London 1963

A Soul in the Quad. Routledge & K. Paul, London 1969

Philosophy and Human Nature. Twentieth century studies, Hodder and Stoughton, London 1970

The Good Want Power. An Essay in the Psychological Possibilities of Liberalism. Basic Books, New York / Cape, London 1977

Elegies, and Other poems. Keepsake Press, Surrey 1981

 

Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften (Auswahl):

"Ästhetics in a New Key". Review of Susanne K. Langer: Feeling and Form. In: Encounter, June 1954

"W. J. Strachan (Ed.): Modern Italian Short Stories". Review. In: Encounter, August 1955

"My Life and Hard Cash". In: Encounter, August 1957

"The Study of Man. Humanism Today: A British View". In: Commentary, July 1958

"Notes on Feeling and Ideology. A Character in Rose Macaulay’s Novel". In: Partisan Review, Winter 1959

"The Misery of Philosophy". In: Encounter, October 1956

"Gallant Old Girls". In: Encounter, May 1958

"Danilo Dolci. Non-Violence in Italy". In: Commentary, February 1961

"Thinking about Thinking". In: The Rationalist Annual for the Year 1962. Barrie & Rockliff, London 1962

"The Study of Man. Future-Mindedness". In: Commentary, July 1963

"Is Rationalism Sterile?" In: H. J. Blackham (Ed.): Objections to Humanism. Constable, London 1963 (Dt.: "Ist Rationalismus unfruchtbar?" In: Gerhard Szczesny (Hg.): Club Voltaire: Jahrbuch für kritische Aufklärung, Band 2, 1966)

"Mortal Statistics". In: Commentary, October 1964

"Telling All, Telling too Much, Simone de Beauvoir". In: New Society, November 1965

"The Act of Creation by Arthur Koestler". Review. In: Commentary, November 1964

"Reflections on Teilhard de Chardin". In: The Rationalist Annual for the Year 1966. Barrie & Rockliff, London 1966

"Koestler and his Critics“. In: Encounter, Vol. 30 (2), 1968

"Humanism and the Arts". In: A. J. Ayer (Ed.): The Humanist Outlook. Pemberton/Barrie and Rockliff, London 1968

"The Unnatural History of Human Aggression. On Learning from the Birds & the Bees". In: Encounter, November 1969

"East is West?". In: Commentary, July 1971

Introduction to: "Yvonne Stevenson, The Hot-House Plant: An Autobiography of a Young Girl". Elek/Pemberton, London 1976

"Ideology and Moral Reality". In: New Humanist, Autumn 1985

 

Übersetzungen (Auswahl):

Lucien Chauvet: North-Westerly Gale. Hutchinson, London 1947

Riccardo Bacchelli: Son of Stalin. Secker & Warburg, London 1956

ders.: The Fire of Milan. Secker & Warburg, London 1957