MARJORIE (GUMBO) COLVILLE STRACHEY

1882 - 16. Jänner 1964

 

Lehrerin, Schriftstellerin, Übersetzerin

 

 

Marjorie (Gumbo) Strachey war die jüngste Tochter von Jane Maria Lady Strachey (geb. Grant) und Sir Richard Strachey. Ihre enge Beziehung zu ihrem um zwei Jahre älteren Bruder Lytton begann schon in frühester Kindheit; sie besuchten ab 1886 den Hyde Park Kindergarten, später verfassten sie gemeinsam Theaterstücke, schrieben Gedichte, gingen aus und hatten einen regelmäßigen Briefkontakt.

Marjorie besuchte so wie ihre Schwester Joan Pernel Marie Souvestres Allenswood School in Wimbledon, eine Schule, deren Credo es war, Mädchen zu unabhängigem Denken zu erziehen. Danach studierte sie am Holloway College, anschließend von 1904 bis 1906 am Somerville College in Oxford, wo sie Französisch belegte, und begann sich ganz im Geist der Stracheys für das Frauenwahlrecht einzusetzen.

Marjorie war talentiert, exzentrisch, verletzlich und - da sie sich in ihrer Kindheit und Jugend zu wenig beachtet fühlte - sehr bedürftig nach Aufmerksamkeit. Bei den Festen der Bloomsburies - wie den Donnerstag-Abenden bei Lady Ottoline Morrell oder dem von Vanessa Bell gegründeten Friday-Club - fiel sie durch ihren scharfen Humor auf und dadurch, dass sie, ohne die Miene zu verziehen, schockierende und obszöne Lieder sang, exzessiv tanzte oder mit ihrem Bruder Lytton Luftsprünge machte; sie trat in Stücken auf, stellte mit überlebensgroßen, von Duncan Grant gestalteten Pappfiguren, Racines "Berenice" dar und war unermüdlich im Erfinden von Spielen, die oft unangenehm wurden: wie etwa Nachrufe für den anderen schreiben oder Handlesen, wobei sie Vanessa Bell Sadismus und Unberechenbarkeit attestierte.

Vanessa Bell und Duncan Grant malten Porträts von ihr: Duncan Grant "Le Crime et la Chatiment", das sie, den Kopf in den Händen haltend, auf einem Sofa darstellt, mit Dostojewskis Buch "Schuld und Sühne" an ihrer Seite; Vanessa Bells Porträt, von der Malerin 1909 beim New English Art Club eingereicht abr nicht angenommen, ist leider verschollen.

Nach ihrem Studium begann Marjorie als Lehrerin zu arbeiten, unterrichtete Englische Literatur, Geschichte und Französisch und entwickelte kreative und inspirierende Lehrmethoden.

1915 lernte sie bei und auf Betreiben von Ottoline Morrell den Abgeordneten Colonel Josiah Wedgewood kennen und lieben. Wedgewood hatte sieben Kinder und lebte getrennt von seiner Frau, als es jedoch 1918 zur Scheidung kam, entschloss sich Wedgewood, die Erzieherin seiner Kinder zu heiraten, für Marjorie eine Demütigung und private Katastrophe.

Marjorie hatte Probleme mit ihren Augen und nachdem sich ihr Kurzsichtigkeit verschlechtert hatte, entschloss sie sich 1919, aus dem Schuldienst auszutreten; sie zog gemeinsam mit ihrer Schwester Pippa und Lady Strachey nach Bloomsbury (51 Gordon Square) und widmete sich der Betreuung ihrer Mutter, die seit 1908 verwitwet war. Da sie als begeisterte Lehrerin ihren Beruf nicht ganz aufgeben wollte, betrieb sie hier eine Privatschule für Kinder des Bloomsbury Kreises. Im Haus wohnte oft ihr Bruder Lytton, ab 1941 ihre Schwester Pernel, ab 1944 ihr Bruder Oliver nach einem schweren Herzanfall, ab 1948 mietete  Vanessa Bell eine Wohnung im Dachgeschoss; auch ihre Schwester Dorothy Bussy zog mit ihrer Tochter Janie ein, die 1960 durch ein Gasgebrechen im Badezimmer ums Leben kam; im selben Jahr starben auch Oliver und Dorothy.

In den Sommermonaten 1924 und 1925 ging sie mit ihrer Privatschule nach Sussex und unterrichtete im Garten von Charleston Anastasia und Igor Anrep, Christopher und Nicholas Henderson, Judith Bagenal und Angelica, die Tochter von Vanessa bell und Duncan Grant. Mit ihrem ansteckenden Enthusiasmus und ihrer Begabung, Lehrinhalte lebendig darzustellen, erweckte sie das Interesse der Kinder und förderte sie. Angelica Bells Hang zum Schauspiel unterstützte sie, indem sie - eine begeisterte Shakespeare Anhängerin - mit den Kindern den Sommernachtstraum inszenierte: Angelica als Peaseblossom, Baba Anrep als Bootom und Elizabeth Raverat als Hippolyta; Quentin Bell hatte bei ihr Klavierstunden und als sie merkte, wie sehr er unter seinen Fehlern litt, setzte sie die Stunden aus, hörte mit ihm klassische Musik, nahm ihn zu Konzerten mit: in der Folge entwickelte er eine tief gehende Liebe zur Musik. Jahre später hörte er durch Zufall eine Schulstunde über das Risorgimento, die Marjorie an der Mädchenschule in Lewes gab, und war von ihrer Begeisterung beeindruckt und ihrer Fähigkeit, Geschichte lebendig werden zu lassen. Für ihn war sie ein Mensch "völlig frei von Bosheit oder schlechter Laune, obwohl jede Art von Grausamkeit oder Ungerechtigkeit sie in Rage bringen konnte."; für seine Mutter Vanessa Bell war sie "der beste, moralischste Mensch", den sie je kannte. (Quentin Bell: Erinnerungen an Bloomsbury, S. 205f.)

In ihren Begabungen war Marjorie vielseitig: sie entwickelte sich zu einer begeisterten Schachspielerin und spielte nicht nur privat mit ihrem Bruder Lytton oder ihrer Schwägerin Alix, sondern nahm auch an Kongressen (Hastings 1935/36, Margate 1936, 1938 ) teil.

1936 errichtete sie ein kleines Haus am Grundstück ihrer Schwägerin Ray Strachey, Fridays Hill oberhalb von Fernhurst. Nach 1945 bewohnte sie auch eine Wohnung in der Londoner 1 Taviton Street, in der Vanessa Bell ein Zimmer mietete, es aber an Duncan Grant und seine Freunde weiter gab; u. a. wohnte der Dichter und Anglist Paul Roche, Modell und Freund von Duncan Grant, bis 1953 hier.

Trotz ihrer Athritis führte sie auch im Alter ein aktives Leben. 1963 ging sie gemeinsam mit ihrer Schwester Pippa in in ein Pflegeheim; sie waren die letzten Bewohnerinnen von 51 Gordon Square, das Haus wurde verkauft und ist nun im Besitz des University College London.

 

Für ihre erste Veröffentlichung "Savitri and Other Women" verwendete Marjorie Strachey Mythen, Balladen, Legenden und Lieder aus der ganzen Welt (Böhmen, England, Finnland, Frankreich, Indien, Irland, Japan, Portugal, Russland, Schottland, Serbien), die sie - ohne Gewissensbisse, wie sie im Vorwort schrieb - bearbeitete und veränderte.

Ihre Art mit alten Texten umzugehen, wandte sie auch in ihrem nächsten Buch "David, the Son of Jesse" an: die Geschichte von David wird konzentriert und trocken wiedergegeben, und man erwartet - so eine Besprechung im Spectator - etwas sehr langweiliges: "aber seltsamerweise ist dies nicht der Fall, ab und zu bekommen wir das unheimliche Gefühl, dass Miss Strachey eine geheime Kenntnis von ihrem Subjekt hat - ein trivialer Zwischenfall, eine kleine Änderung in einer Phrase, Vorkommen die weder in der Bibel noch in Interpretationen zu finden sind, alles klingt absolut wahr und macht den Eindruck eines Augenzeugenberichts; irgendwie ist es Miss Strachey gelungen, eine komplett neue Sicht auf die Geschichte zu werfen." (The Spectator, 5 November 1921, p. 22f)

"The Nightingale. A Life of Chopin" (1922), war in Amerika sehr erfolgreich, eine Buchbesprechung in einem Magazin aus Toronto bewertete es allerdings als eine Geschichte, die man nur zum Vorlesen im Christlichen Verein Junger Menschen verwenden kann. (Goblin, Vol. V, No. 12, July 1925)

Ihr Roman "The Counterfeits", gewidmet ihrer "medizinischen Beraterin", erregte Aufsehen; er beschreibt das Gefühl der Leere eines jungen Mädchens in der Londoner Gesellschaft der Nachkriegszeit mit Rückblicken auf den Ersten Weltkrieg, in dem sie als Krankenschwester gedient und eine unglückliche Liebe erlebt hatte; in dem autobiografisch gefärbten Roman verarbeitet Marjorie ihre gescheiterte Beziehung mit Josiah Wedgewood und wirft einen ironischen Blick auf ihre Bloomsbury Freunde - Virginia Woolf erkannte sich darin als die Schriftstellerin Volumnia Fox.

In der Hogarth Press Reihe "World-Makers and World-Shakers" veröffentlichte sie im Juni 1937 "Mazzini, Garibaldi and Cavour"; der 80 Seiten starke Band hatte eine Auflage von 5.050 Stück, in schwarz bedrucktes Leinen gebunden und hatte einen gelben, grün bedruckten Schutzumschlag.

Marjorie Strachey schilderte hier anhand der Biografien von Giuseppe Mazzini, Giuseppe Garibaldi und Camillo Benso Conte di Cavour die Entstehung des Königreiches Italien. Der Anteil dieser Männer an der Einigung der acht separaten Staaten wurde von George Meredith auf den Punkt gebracht; "Cavour, Mazzini, Garibaldi: Three: Her Brain, her Soul, her Sword ..." (Klappentext)

Weitere Bände in dieser Reihe, die nur 1937 erschienen ist, waren Kurzbiografien von "Joan of Arc" (Vita Sackville-West), "Socrates" (Naomi Mitchison & R. H. S. Crossman) und "Darwin" (L. B. Pekin). Die Schutzumschläge wurden von John Banting entworfen.

In "The Fathers Without Theology" versammelte und bearbeitete sie Anekdoten, Legenden und Schriften der frühen Kirchenväter vom Beginn der Kirchengeschichte bis zum Ersten Konzil von Nicäa; für die London Sunday Times "malerischer und exotischer als die Geschichten aus 1001 Nacht".

In "Saint and Sinners" wandte sie sich an ein Publikum, das - von einem nicht religiösen Standpunkt aus - Leben und Persönlichkeit von Menschen wie Athanasius von Alexandria, Basilius dem Großen, Ambrosius Aurelianus und Martin von Tours kennen zu lernen interessiert war.


Verwendete Literatur / Quellen:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917 - 1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986Alan & Veronica Palmer: Who’s Who in Bloomsbury. The Harvester Press, Brighton 1987Quentin Bell: Erinnerungen an Bloomsbury. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997

Virginia Woolf: Briefe 1. 1888 - 1927. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006

Virginia Woolf: Tagebücher 1, 1917 - 1919. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1990

Virginia Woolf: Tagebücher 2, 1920 - 1924, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1994

Virginia Nicholson: Among the Bohemians. Experiments in Living 1900 -1939. Penguin Books, London 2003

Sarah M. Hall: The Bedside, Bathtub and Armchair Companion to Virginia Woolf and Bloomsbury. Continuum, London 2007

Frances Spalding: Vanessa Bell. Portrait of the Bloomsbury Artist. Tauris Parke Paberbacks, London 2016

streathambrixtonchess.blogspot.co.at/2015/10/played-on-squares-5-strachey.html

archive.spectator.co.uk/page/5th-november-1921/22

openlibrary.org/authors/OL2345114A/Marjorie_Strachey

furrowedmiddlebrow.blogspot.co.at/

www.modernistarchives.com/work/mazzini-garibaldi-cavour

www.charleston.org.uk/painters-model-and-poet-paul-roche/ 

links: Marjorie mit etwa einem Jahr

Foto: John Smith Hazard

unten: Lady Strachey mit ihren Töchtern um 1893: Marjorie (Gumbo), Philippa (Pippa), Dorothy, Joan Pernel, Elinor (von links nach rechts).

Foto: Graystone Bird

© National Portrait Gallery, London

 

links: Marjorie und Clive Bell, Ehemann von Vanessa Bell, am Strand von Studland, Dorset  ca. 1911

unten: Marjorie 1918 am Klavier

 

 

 

© National Portrait Gallery, London

 

oben: Marjorie und Lytton Strachey beim Schachspiel im Garten von Virginia Woolfs Monk's House bei Lewes, 1931

© Monk's House Album 4, Harvard University

 

 

Marjorie Colville Strachey - Veröffentlichungen:

Savitri and Other Women. Chatto & Windus, London 1920 / G. P. Putnam's Sons, New York 1921 / archive.org

David, the Son of Jesse. Jonathan Cape. London 1921 / The Century Co., New York 1922 / archive.org

The Nightingale. A Life of Chopin. Longmans, Green & Co, 1925

The Counterfeits. Longmans, Green and Co., London 1927, 1929*

Mazzini, Garibaldi and Cavour. Hogarth Press, London 1937

The Fathers Without Theology - The Lives and Legends of the Early Church Fathers. William Kimber, London 1957 / George Braziller, New York 1958 / Kessinger Publishing Reprints, 2010 / Literary Licensing, LLC, 2013

Saint and Sinners of the Fourth Century. W. Kimber, London 1958

 

* "The Counterfeits" kommt im Antiquariatshandel sehr selten vor; die Abbildung stammt von einem Exemplar, das kurzfristig im Antiquariat von Jon S. Richardson (York Harbor, Maine), spezialisiert auf den Bloomsbury-Kreis, angeboten worden war.

 

Für die Hogarth Press übersetzte Marjorie Strachey "Fritz Busch: Aus dem Leben eines Musikers" (Rascher Verlag, Zürich 1949), das Buch erschien 1953 unter dem Titel "Fritz Busch: Pages From A Musician's Life" und ist bei archive.org digitalisiert.