MARJORIE WISE

1893 - 1978

 

Pädagogin, Kalligrafin, Musikerin

 

 

Marjorie Wise war Studentin von Edward Johnston, einem englischen Kalligrafen und Typographen, der an der Central School of Arts and Crafts und am Royal College of Art in London lehrte und eine moderne Sansserif-Schrift entwarf (Johnston’s Railway Type).

Sie wurde Spezialistin für "manuscript writing" oder "ball-and-stick", eine Art des Schreibens, bei der man Buchstaben einzeln aneinander reiht und nicht wie bei der Schreibschrift miteinander verbindet; diese Schreibart wurde in England oft Kindern in den Grundschulen beigebracht, bevor sie die normale Schreibschrift lernten.

Nach einem abgeschlossenen Studium ging sie 1921 in die USA, um am Teachers College der University Columbia amerikanische Lehrmethoden im Bereich der Pädagogik zu studieren. Neben ihrem Studium unterrichtete sie Kinder und LehrerInnen in "English Manuscript Writing" in den Unterklassen der Horace Mann und Lincoln Schools. Sie begeisterte damit viele LehrerInnen, welche die Entwicklung in England beobachtet hatten und sie auch in den USA einführen wollten; aber auch die Eltern waren beeindruckt von der Schönheit, der Leserlichkeit und der Leichtigkeit, mit der die Kinder Schreiben lernten im Vergleich mit dem Erlernen der normalen Schreibschrift.

Auf Einladung ihrer Professorin am Teachers College, Patty Smith Hill, verfasste Marjorie Wise das Lehrbuch "On the Technique of Manuscript Writing", das 1924 in der von Smith Hill herausgegebenen Reihe "Childhood Education" erschien.

Im Juli 1925 nahm Marjorie Wise an der Konferenz der World Federation of Education Associations in Edinburgh teil; sie war Mitarbeiterin von Professor W. E. Wings (Portland, Maine), der die Sektion "Secundary Education" leitete.

Im August 1926 hielt sie einen Kurs über Manuscript Writing im Rahmen der 14. Sommerschule der Froebel Society and Junior Schools Association in Eastbourne (Queenwood, Darley Road).

Marjorie Wise gehörte gemeinsam mit Wyatt Rawson zu den ersten PädagogInnen, die ab 1926 an der von Dorothy und Leonard Elmhurst gegründeten Dartington Hall School in Devon unterrichteten; die Schule gehörte zu den progressivsten Grundschulen Englands und war führend in der gemeinsamen Erziehung von Mädchen und Buben. Kümmerten sich anfangs noch die Elmhursts um die Belange der Schule, wurde 1930 William Burnlee Curry, Ehemann von Marjorie Wises Schwester Ena, als Direktor angestellt.

Der Dartington Hall Trust setzte sich auch für die Wiederbelebung ländlicher Gegenden ein und gab Studien über das Landleben in Auftrag. Für die Organisation eines Trainingsprogramms für LandlehrerInnen an der Schule besuchte Marjorie Wise 1930 Schulen in ganz Devon. Die Ergebnisse veröffentlichte sie im September 1931 in der Hogarth Press; das 160 Seiten starke Buch "English Village Schools" erschien in einer Auflage von 1000 Stück, der Schutzumschlag wurde von Richard Kennedy entworfen, als Verlagslogo wurde der Entwurf von E. McKnight Kauffer verwendet.

In ihrer Studie untersuchte sie den baulichen Zustand der Schulen, die Lehrpläne und die Einflüsse von außen; sie kommt zu dem Schluss, dass etwa 75% negativ beurteilt werden müssen; vor allem weist sie auf die oft nicht vorhandene Ausbildung der LehrerInnen hin, auf überbesetzte Klassenräume und menschenunwürdige Zustände der Unterbringung. Mit ihrer Untersuchung rüttelte sie an der allgemeinen Meinung, dass die Ausbildung für den Mittelstand auf einem positiven Weg sei und die jungen Menschen eine bessere Schulbildung bekämen als ihre Eltern.

Während des Zweiten Weltkriegs leitete Marjorie Wise die Campbell Schule in Dagenham, einem Arbeiterbezirk im Osten Londons. Da vermehrt Luftangriffe auf London drohten, wurden die Kinder evakuiert und Marjorie Wise ging mit ihnen nach Deddington in Oxfordshire; in Deddington bewohnte sie eine Cottage neben Holcombe House, der ansässigen Schule, die Kinder wurden bei verschiedenen Familien untergebracht.

Die Musikerin Imogen Holst, eine Freundin von Marjorie, mit der sie am Londoner Cecil Sharp House studiert hatte, widmete ihr 1941 die Deddington Suite, ein Stück für ein Blockflöten-Trio. Imogen Holst verdankte Marjorie Wise die Bekanntschaft mit Dorothy and Leonard Elmhurst von Dartington Hall School, die sie förderten und wo sie auch von 1943 bis 1951 musikalische Leiterin des Arts Centre war.

 


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Ewan Clayton: The Golden Thread. The Story of Writing. Atlantic Books, 2013

Rosemary Sassoon: Handwriting of the Twentieth Century. Intellect Books, 2007

Patty Smith Hill: Introduction zu "Marjorie Wise: On the Technique of Manuscript Writing". Charles Scribner's Sons, New York, Chicago 1924

George C. Pringle (Ed.): World Education. Proceedings of the First Biennal Conference of the World Federation of Education Associations held at Edinburgh, July 20 to July 27, 1925. Edinburgh (archive.org/details/in.ernet.dli.2015.276205)

Jane Brown: Angel Dorothy. How an American Progressive Came to Devon. Kindle Edition, 2017

John Saville: Rural Depopulation in England and Wales, 1851–1951. Routledge, 2013

Allen Hutt: The Condition of the Working Class in England. Martin Lawrence Ltd., London 1933 (dspace.gipe.ac.in/xmlui/bitstream/handle/10973/24986/GIPE-009590.pdf?...3...y)

Peter Sager: Im Geist der Moderne. In: Die Zeit, Nr. 12, 15. März 1996

Christopher Grogan‬: ‪Imogen Holst‬. ‪A Life in Music‬. ‪Boydell & Brewer‬, 2010

www.modernistarchives.com/work/english-village-schools

archive.dartington.org/calmview/Record.aspx?src=CalmView.Catalog&id=DWE%2FDHS%2F2%2FG

mediengeschichte.dnb.de/DBSMZBN/Content/DE/SchriftGestalten/05-johnston-edward.html

www.britannica.com/biography/Edward-Johnston

de/DBSMZBN/Content/DE/SchriftGestalten/05-johnston-edward.html

epdf.tips/handwriting-of-the-twentieth-century.html

Child Life, Vol.28, June, 1926: urweb.roehampton.ac.uk/digital-collection/froebel-archive/child-life-journals/child-life-1926/Child%20Life%20Journal%201926%20vol%2028%20no%20137.pdf

de.wikipedia.org/wiki/Dartington_Hall

www.deddington.org.uk/gallery/v/WW2/Evacuees/

www.deddington.org.uk/__data/assets/pdf_file/0013/10390/8.2.PatEllmoreneePetre.pdf

Abbildungsverzeichnis:

Dartington Hall, Haupteingang: commons.wikimedia.org/wiki/File:Main_Hall_entrance_Dartington.jpg. Own Herby talk thyme [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)

High Cross House: www.geograph.org.uk/photo/3229335, © Copyright David Hawgood and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.


Dartington Hall, in der Nähe von Totnes, Devon, war ein verfallener Landsitz aus dem 14. Jahrhundert, der von Dorothy Elmhurst, einer reichen amerikanischen Erbin, und Leonard Elmhurst, Sohn eines Pfarrers aus Yorkshire, erworben und restauriert wurde. Sie gründeten eine der progressivsten Schulen Englands - antiautoritär, koedukativ, learning by doing in vielfältigen Fächern - Landwirtschaft, Bauwesen, Sägemühle bis Musik, Malerei, Töpferei und andere Kunstfächer. Neben dem allgemeinen Lehrpersonal wurden GastprofessorInnen eingeladen und in den Dreißiger Jahren fanden EmigrantInnen aus Nazideutschland Aufnahme; Dartington Hall wurde so zum Treffpunkt internationaler Kulturschaffender.

High Cross House wurde 1932 vom amerikanisch-schweizerischen Architekten William Lescaze erbaut und war das Wohnhaus des ersten Direktors von Dartington, William Burnlee Curry, der mit Marjorie Wises Schwester Ena verheiratet war. Lescaze errichtete auch mehrere andere Gebäude, wie Unterkünfte für die SchülerInnen, Verwaltungsgebäude und Wohnhäuser auf dem 320 Hektar großen Besitz, Walter Gropius wirkte am Umbau einer Scheune zu einem Theater mit.


Marjorie Wise - Veröffentlichungen (Auswahl):

On the Technique of Manuscript Writing. With an Introduction by Professor Patty Smith Hill. Charles Scribner's Sons, New York, Chicago 1924

English Village Schools. Hogarth Press, London 1931