MARY LOUISA GORDON

15. August 1861 – 5. Mai 1941

 

Ärztin, Feministin, Schriftstellerin

 

 

Mary Louisa Gordon  war die Tochter von Mary Emily Carter und James Gordon, Fell- und Talghändler in Liverpool, wurde in Seaforth, nördlich von Liverpool geboren und wuchs in einer großen Familie mit neun Geschwistern und zwei Stiefgeschwistern auf.

Ab 1886 besuchte sie die 1874 gegründete London School of Medicine for Women (Studentin Nr. 171), praktizierte und studierte in Edinburgh und Glasgow. Sie gehörte zu den frühen Ärztinnen in England und wurde am 11. November 1890 als praktische Ärztin registriert; in London lebte sie im Ladies Residential Home, St. Giles, und später in Kensington (8 Southwell Gardens, St. Stephens).

Zwischen 1893 und 1895 war sie Bibliothekarin an der London School of Medicine und Assistentin am East London Hospital for Children und am Evelina London Children's Hospital. Sie besuchte regelmäßig Anstalten für Alkoholiker, sammelte Erfahrungen in deren Behandlung, schrieb darüber ("The Drug Treatment of Inebriety") und hielt Vorträge (Society for the Study of Inebriety, Oktober 1906).

Im März 1908 wurde sie vom Innenministerium als erste Frau zur Gefängnis-Inspektorin bestellt: sie war verantwortlich für die Kontrolle von Frauengefängnissen wie das Holloway-Gefängnis, das ab 1903 ein reines Frauengefängnis war und in dem Frauenrechtlerinnen wie Christabel Pankhurst ihre Strafen abbüßen mussten; außerdem war sie Assistenz-Inspektorin für Besserungsanstalten von Alkoholkranken. Um internationale Vergleiche zu bekommen, besuchte sie Frauenhaftanstalten in Frankreich, den Niederlanden und Belgien. Sie trat für Reformen ein wie bequemere Kleidung, hygienische Verbesserungen, und versuchte so viel wie möglich für inhaftierte Frauenrechtlerinnen zu tun. Ihre Einstellung gegenüber weiblichen Häftlingen, ihr Verständnis für deren Lage und für ihre Bedürfnisse, stand im scharfen Gegensatz zu der ihrer männlichen Kollegen.

Während des Ersten Weltkrieges wurde sie vom Innenministerium freigestellt, um im Rahmen der Scottish Women’s Hospitals zu arbeiten; am 3. August 1916 fuhr sie mit dem Spitalsschiff "Dunluce Castle" (755 Betten) von Southhampton nach Saloniki - eine nicht ungefährliche Reise, da das Mittelmeer vermint war und die Gefahr von Zeppelin- und U-Boot-Angriffen bestand. Sie war enttäuscht von diesem Einsatz, fühlte sich unterfordert und kehrte im Dezember nach England zurück.

Im September 1919 nahm sie als Delegierte an der Internationalen Konferenz der Ärztinnen in New York teil; weitere Delegierte waren u. a. Dr. Marie Lawaese-Delhaye aus Antwerpen, Dr. Betty Agerholm, Dr. Johanna Freilberg und Dr. Estrid Hein aus Kopenhagen und Dr. Christine Murrell aus London.

1920 unterzog sie sich in London einer Analyse nach C. G. Jung, die ihr bei der Bewältigung ihrer Gefängnisarbeit helfen sollte. Sie veröffentlichte "Penal Discipline" und widmete das Buch den Gefängnisinsassen: es enthält Gespräche und Lebensgeschichten, die Auswirkungen der Inhaftierung auf Körper und Psyche, Vergleiche und Reformvorschläge. Nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Inspektorin ging sie 1922 in die Schweiz und studierte neun Monate Analytische Psychologie; sowohl Studium als auch die begleitende Analyse bei C. G. Jung waren für sie eine wichtige und wertvolle Erfahrung. 1925 besuchte sie wieder die Schweiz und nahm an C. G. Jungs Seminar zur Analytischen Psychologie teil.

 

Als Kind hatte Mary Gordon Llangollen in Wales besucht, wo Lady Eleanor Butler und Sarah Ponsonby, die berühmten Ladies von Llangollen, gelebt und ihr Lebensmodell realisiert hatten: 1778 waren die aus anglo-irischen Adelsfamilien stammenden Frauen vor der für sie drohenden Verheiratung geflüchtet - in Männerkleidern - und lebten ihre mehr als fünfzig Jahre dauernde, außergewöhnliche Beziehung in Plas Newydd. Llangollen war eine Station für Postkutschen und lag auf dem Weg von London zur Fähre nach Irland. Dementsprechend häufig bekamen die Ladies Besuch - von Elizabeth Browning, Walter Scott, William Wordsworth, Tennyson und vielen anderen - und jeder Besucher brachte ein Gastgeschenk mit. Auf diese Weise entwickelte sich das Anwesen zu einem Haus der Kuriositäten, dessen Eindruck für Mary Gordon ebenso wie die Geschichte der Ladies so nachwirkend war, dass sie in den frühen 30-er Jahren, 73 Jahre alt, dorthin zurückkehrte und sich - im wahrsten Sinne des Wortes - einen Traum erfüllte. Während ihres Schweizer Aufenthalts bei C. G. Jung hatte sie geträumt, dass sie Llangollen wieder besuchen würde. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Violet Labouchere - Frank genannt - wanderte sie auf den Spuren der Ladies über die Hügel von Llangollen, ließ Plas Newydd auf sich wirken und beschloss, das Leben des Paares zu würdigen: sie schrieb "Chase of the Wilde Goose", die erste Biografie der beiden Frauen in Form eines Romans. Mary Gordon sah sie als Wegbereiterinnen für die sexuelle und politische Entwicklung der "neuen Frau" Anfang des 20. Jahrhunderts. Violet Labouchere gestaltete 1937 eine Reliefskulptur der Ladies für die örtliche Kirche St. Collen, wo die Grabstätten von Eleanor Butler, Sarah Ponsonby und ihrer Dienerin Mary Carryll sind; allerdings könnte man den Figuren eine gewisse Ähnlichkeit mit Mary Gordon und Violet Labouchere zuschreiben.

Anfang 1935 schickte Mary Gordon das Manuskript an die Hogarth Press; davor hatte sie es mit Ethel Smyth, der bekannten Musikerin und engen Freundin Virginia Woolfs, besprochen; sie kannte Ethel Smyth aus ihrer Zeit als Gefängnis-Inspektorin - Smyth war 1912 kurzfristig im Holoway Gefängnis wegen Teilnahme an einer Demonstration der Sufragetten inhaftiert gewesen. Nach einigen Schwierigkeiten - Virginia Woolf schickte das Manuskript, das sie als Fortsetzung ihres "Orlando" sah, an die "Hermaphrodite" zurück -, nahm im Jänner 1936 Leonard Woolf den Text an. Im Mai 1936 erschien "Chase of the Wild Goose. The Story of Lady Eleanor Butler and Miss Sarah Ponsonby, Known as the Ladies of Llangollen" in einer Auflage von 1200 Stück; das 278 Seiten starke, illustrierte Buch war in goldbedrucktes blaues Leinen gebunden und hatte einen weißen, schwarz und blau/grün bedruckten Schutzumschlag, der von Virginia Woolfs Schwester Vanessa Bell gestaltet wurde. Das Buch war Emma Jung gewidmet, C. G. Jungs Frau.

Mary Gordon arbeitete an einem Folgeband über das Leben der Ladies von Llangollen, der allerdings nie erschien; wie sie Leonard Woolf mitteilte, schrieb sie auch an einem anderen Roman, dessen Hauptfigur eine Art Sohn von Virginia Woolfs "Orlando" sein sollte, auch dieser Text wurde nicht fertig gestellt.

 

Mary Louisa Gordon starb im Mai 1941 in in ihrem Haus in Crowborough / East Sussex.


Literatur- und Quellenverzeichnis:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Nigel Nicolson (Ed.): The Sickle Side of the Moon. The Letters of Virginia Woolf 1923–1935. The Hogarth Press, London 1979

C. G. Jung: Introduction to Jungian Psychology: Notes of the Seminar on Analytical Psychology Given in 1925. Princeton University Press 2012

Jill Pellew: The Home Office, 1848–1914: From Clerks to Bureaucrats. Fairleigh Dickinson Univ Press 1982

George Ives: History of Penal Methods: Criminals, Witches, Lunatics. S. Paul & Co. 1914

Deborah Cheney: Dr Mary Louisa Gordon (1861–1941): A Feminist Approach in Prison. In: Feminist Legal Studies. August 2010, Volume 18, Issue 2, pp 115-136

Ann Oakley: Women, peace and welfare: A suppressed history of social reform, 1880–1920. Policy Press, 2019

"What Women Are Doing". In: The Niagara Falls Gazette, Monday, May 18,1908

"Women Doctors of Many Countries in Convention". In: El Paso Herald (El Paso Tex.), Ed. 1, Monday, September 15, 1919

"Obituary". In: The British Medical Journal. May 24, 1942, p. 799

David Barnes: The Companion Guide to Wales. Companion Guides 2005

Petra Juling: Wales. DuMont Verlag, Köln 2000

Ursual Link-Heer: Ein verliebtes Frauenpaar „Ancien Régime“ - Colette und das Rätsel der Ladies of Lllangollen. In: Ursula Link-Heer / Ursula Henningfeld / Ferdinand Hörner: Literarische Gendertheorie: Eros und Gesellschaft bei Proust und Colette.Transcript Verlag 2006

Fiona Brideoake: The Ladies of Llangollen: Desire, Indeterminacy, and the Legacies of Criticism. Bucknell University Press, 2017

scottishwomenhospitals.co.uk/women/?a=G

www.visitbritain.com/sites/default/files/wp-content/uploads/2013/12/1-3752424418_3676b73dbf_o.jpg

nbrocknroll.blogspot.co.at/2012/02/church-of-saint-collen.html (Relief von Violet Labouchere in St.Collen)

en.wikipedia.org/wiki/Mary_Gordon_(prison_inspector)

www.modernistarchives.com/person/mary-gordon

 

Bildnachweis:

London School of Medicine for Women: commons.wikimedia.org/wiki/File:Lord_Riddell;_Dame_Louisa_Aldrich-Blake._Wellcome_L0030

Holloway Gefängnis: wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fb/Holloway_Prison.png

"Dunloce Castle" Spitalsschiff: www.flickr.com/photos/41311545@N05/7864425906/sizes/l/

Plas Newydd 1840: Bild von W. L. Walton / Edwin W. Jacques. commons.wikimedia.org/wiki/File:Plas_Newydd,_near_Llangollen_-_the_seat_of_the_late_Lady_Eleanor_Butler_and_Miss_Ponsonby_(1132208).jpg

Relief Eleanor Buttler und Sarah Ponsonby: von Violet Labouchere 1937. commons.wikimedia.org/wiki/File:Eglwys_Sant_Collen,_Llangollen,_Cymru_St._Collen%27s_Parish_Church,_Llangollen,_Denbighshire,_Wales._25.JPG

London School of Medicine for Women

London School of Medicine for Women

Das Holloway Gefängnis, für dessen Kontrolle Mary Gordon verantwortlich war, wurde 1903 in ein reines Frauengefängnis umgewandelt; über 300 Frauenrechtlerinnen, darunter Emmeline, Sylvia und Christabel Pankhurst, Mary Richardson und Ethel Smyth waren hier inhaftiert.

Spitalschiff "Dunluce Castle"

Spitalschiff "Dunluce Castle"


Der biografische Roman "Chase of the Wild Goose" erschien als Neuauflage 1999 unter dem Titel "The Llangollen  Ladies" bei John Jones Ltd..

Plas Newydd, Llangollen 1894

oben: Plas Newydd, das Haus von Eleanor Butler und Sarah Ponsonby in Llangollen

links: Relief der Ladies in der Kirche St. Collen, gestaltet von Mary Gordons Gefährtin Violet Labouchere.


1971 veröffentlichte Elizabeth Mavor im Verlag Michael Joseph Ltd. erstmals die Biografie "The Ladies of Llangollen. A Study in Romantic Friendships". Weitere Auflagen folgten, 2011 erschien eine digitale Version bei Moonrise Press.

Die deutsche Übersetzung erschien 1994 im Göttinger Daphne Verlag unter dem Titel "Die Ladies von Llangollen. Eine Studie über romantische Freundschaft". Übersetzung und Nachwort: Petra Hassenpflug 


Mary Gordon - Veröffentlichungen (Auswahl):

"The Drug Treatment of Inebriety". In: British Journal of Inebriety, Vol. IV, 1906-1907

Penal Discipline. Routledge & Sons, London / E. P. Dutton, New York 1922 / digitalisiert: openlibrary.org

Chase of the Wild Goose. The Story of Lady Eleonor Butler and Miss Sarah Ponsonby, Known as the Ladies of Llangollen. Hogarth Press, London 1936 / 1937 / Arno Press, New York 1975 / Neuauflage 1999 unter dem Titel "The Llangollen  Ladies" bei John Jones Ltd..