SYLVA NORMAN

Oktober 1901 - 7. Mai 1971

 

Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin, Journalistin

 

 

Sylva Norman, eigentlich Hermine Silva Nahabedian, stammte aus einer armenischen Familie; ihre Eltern Araxie und Dicran Nahabedian kamen aus der Türkei und erhielten 1892 die britische Staatsbürgerschaft. Ihre Mutter Araxie engagierte sich im Verein armenischer Frauen in Manchester, ihre älteste Schwester Justina Rita (geb. 1896-1996) wurde Malerin und Illustratorin, ihre zweite Schester Astine Dora (1899-1966), wurde unter dem Namen Dora Nirva bekannt, sie schrieb Filmdrehbücher, führte Regie, produzierte Filme und arbeitete für BBC Television.

Nach der Übersiedlung der Familie Nahabedian nach Sussex, besuchte Sylva von 1910 bis 1918 die Queenwood School in Eastbourne; für ihre Schulkollegin Annie Winifred Ellerman, bekannt unter ihrem Pseudonym Bryher, waren die Jahre dort albtraumhaft, da jede geistige Entfaltung unterdrückt wurde. Mit Bryher stand Sylva Norman auch noch Jahre später in Briefkontakt, sie schickte ihr Manuskripte ("Journal in Ireland", "A Ray of Darkness") für die 1935 gegründete Literaturzeitschrift Life and Letters Today: An International Magazine of Living Letters. Nach ihrem Schulabschluss studierte Sylva Norman in Oxford englische Literatur.

Über ihren weiteren Werdegang ist wenig bekannt. Durch ihre journalistische Tätigkeit für Zeitschriften wie Times Literary Supplement, Athenaeum, The Nation, Nation & Athenaeum in den zwanziger Jahren hatte sie Kontakt mit Leonard Woolf, der für die Literaturseiten in den letztgenannten zuständig war. Die Bekanntschaft führte dazu, dass sie im Juni 1928 von Virginia und Leonard Woolf zum Essen eingeladen wurde, eine Einladung, bei der sie Julian Bell kennenlernen sollte: dafür holte man sie - so Virginia Woolf - telefonisch "aus der absoluten Nichtexistenz" hervor. Im kommenden Jahr erschien in der Hogarth Press ihr erster Roman, "Nature has no Tune".

Anfang 1932 lernte Sylva Norman den Dichter, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kritiker Edmund Blunden (1896-1974) kennen und heiratete ihn am 5. Juli 1933. Das Paar zog nach Oxford in die Woodstock Road - Blunden unterrichtete dort am Merton College -, und Blundens Freund, der Schriftsteller Siegfried Sassoon, übernahm für ein Jahr die Miete; Graham Greene lebte in unmittelbarer Nachbarschaft.

Ihre Interessen und die Liebe zur Literatur verband sie und führten zu gemeinsamen Publikationen und Aktivitäten: für ihre Freunde Siegfried und Hester Sassoon sammelten sie zu deren Hochzeit Prosa und Verse von 44 Autoren, darunter Christopher Smart, William Shenstone, William Cowper, Robert Curzon, William Beckford, Leigh Hunt, Henry David Thoreau sowie eigener Texte und schenkten ihnen diese von beiden handgeschriebene und gestaltete Sammlung: "The Coppice". Im selben Jahr, 1933, veröffentlichten sie den über 330 Seiten starken, romanhaften, in Frankreich spielenden Reisebericht "We’ll Shift our Ground. Or Two on a Tour" und 1938 "On Shelley". Trotz der vielen intellektuellen Gemeinsamkeiten trennte sie die verschiedenen Lebenseinstellungen: Sylva hatte kein Interesse an Kindern, Blunden wollte Kinder; Blunden lehnte jede Art von kriegerischer Auseinandersetzung ab, man sagt ihm auch eine gewisse Nähe zu Nazi-Deutschland nach, Sylva trat 1939 in den Kriegsdienst ein. Es kam immer wieder zu Trennungen, endgültig im Herbst 1939, als Blunden eine Beziehung mit einer seiner Studentinnen (Claire Poynting) begann, die er nach seiner Scheidung 1945 auch heiratete. Trotz der Trennung bestand weiterhin eine enge Freundschaft zwischen Sylva Norman und Edmund Blunden.

Ihr weiteres Leben nach der Scheidung bleibt im Schatten. Beschreibungen von Freunden sind spärlich: Siegfried Sassoon fand sie aufdringlich, großspurig und hochgestochen, der neuseeländische Schriftsteller und Journalist John Mulgan fand sie humorvoll und intellektuell, ihren dunklen Typ attraktiv, der kanadische Literaturkritiker Northrop Frye, der 1937 Student von Blunden in Oxford war, beschrieb sie als zierlich, dunkel, mit großen strahlenden Augen, bewusst lebhaft und von mitreißender Intelligenz.

Die Rechte für ihre Werke gingen nach ihrem Tod an ihre Schwester, die Malerin und Illustratorin Rita Nahabedian, die verfügte, dass sie an Barbara Mary Margaret Betts weitergehen bzw. - falls diese vor ihr sterben sollte - an den Musicians Benevolent Fund. Edmund Blundens Briefe an Sylva Norman sind Teil der Sammlung "Edmund Blunden Letters and Manuscripts, 1922-1968" an der Columbia University.

 

Sylva Norman schrieb drei Romane, ihr erster erschien im September 1929 in der Hogarth Press. "Nature has no Tune" ist in einem Schloss in der Toscana angesiedelt, beschreibt die Geschichte eines Selbstmordes von zwei Liebenden und die Auswirkung dieser Tragödie auf die jetzigen Bewohner. Das 358 Seiten umfassende Buch - in grünes Leinen mit Goldprägung gebunden, mit einem olivgrün bedruckten Schutzumschlag, hatte eine Auflage von 1.000 Stück. Laut dem US-amerikanischen Antiquariat O'Gara and Wilson (Chesterton, IN) gehört es wahrscheinlich zu den am schwersten erhältlichen Büchern des Verlages; es wurde um etwa 2.300 Euro angeboten.

1931 veröffentlichte sie das über 300 Seiten starke Buch "Cat Without Substance", das 1969 neu aufgelegt wurde: der Roman, dessen Titel an die Grinsekatze von "Alice im Wunderland" erinnert, erzählt von einer Gruppe gebildeter Menschen im Nachkriegs-London, die - sich nutzlos fühlend - an der Oberfläche des Lebens dahintreiben und an den veränderten Zeiten leiden; dem Roman wurden Ähnlichkeiten mit Huxleys "Kontrapunkt des Lebens" nachgesagt.

Ihr dritter Roman "Tongues of Angels" erschien 1957 und ist eine satirische Mischung aus Fiktion und Wahrheit, in der sie scharfsinnig Trends und Heuchelei bei einem Kongress von Kulturschaffenden in der Schweiz unter die Lupe nimmt - was sehr zur Freude ihrer Leser beitrug, aber die offiziellen Vertreter von kulturellen Einrichtungen wie u. a. die UNESCO weniger angetan waren. Winifred Bryher, die schon zu Schulzeiten Sylva Normans witzige und tolerante Beobachtungsgabe der menschlichen Natur schätzte, war von der Beschreibung schweizerischer Lebensumstände begeistert.

Ihre literaturwissenschaftliche Arbeiten konzentrierten sich auf das 18. Jahrhundert und hier vor allem auf Percy Bysshe Shelley, Mary Shelley und Mary Wollstonecraft. 1934 schrieb sie die Einleitung zu dem von ihr herausgegebenen Briefwechsel "After Shelley: The Letters of Thomas Jefferson Hogg to Jane Williams", ein Band der wiederholt neu aufgelegt wurde. 1938 gab sie gemeinsam mit ihrem Mann Edmund Blunden und mit Gavin de Beer den Sammelband "On Shelley" heraus und schrieb dafür den Beitrag "Mary Shelley: Novelist and Dramatist". Schließlich erschien 1954 ihr Buch "Flight of the Skylark: The Development of Shelley’s Reputation", das Edith Sitwell für das beste Buch über Shelley hielt. Es beginnt mit Shelleys Tod und untersucht die Mythen, Legenden und Forschungsarbeiten, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind; es setzt sich auch mit deren Urhebern auseinander und schafft so eine Synthese der vielen verschiedenen, miteinander verwobenen Geschichten, die über Jahre das Bild Shelleys geprägt hatten.

1964 veröffentlichte sie in Texas Quarterly eine Arbeit über Coleridge ("The Two Selves of Colderidge"), die auch als Sonderdruck erschien; in dieser Literatur-, Kunst- und Wissenschaftszeitschrift schrieben AutorInnen wie W. H. Auden, Samuel Beckett, Jorge Luis Borges, Robert Graves, Marianne Moore, Octavio Paz, Katherine Anne Porter, Stephen Spender, Eudora Welty, Frank Lloyd Wright u. a.

Außerdem schrieb sie eine neue Einführung zu dem 1906 erstmals erschienenen Werk von Richard Houghton "The Life and Letters of John Keats" und in einer Neuauflage von "Mary Wollstonecraft: Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway and Denmark" - das Buch war 1796 erstmals erschienen - stellte sie die Briefe in ihren politischen und sozialen Kontext und beleuchtet aufschlussreich Mary Wollstonecrafts Leben, ihre Beziehungen und ihre festen Überzeugungen.

Ihre Tätigkeit als Journalistin und Rezensentin war weitreichend und vielfältig. Sie schrieb Rezensionen und Beiträge für Literatur- und Wissenschaftszeitschriften wie Times Literary Supplement, Athenaeum, The Nation - ab 1921 Nation & Athenaeum, in der Autoren wie u. a. Max Beerbohm, Edmund Blunden, T. S. Eliot, Robert Graves, Thomas Hardy, Aldous Huxley, Edith Sitwell, Julian Huxley, Katherine Mansfield und Virginia Woolf publizierten. Sie rezensierte Werke von zeitgenössischen SchriftstellerInnen wie H. E. Bates, Winifred Gerin, Jon Godden, Daphne du Maurier, John Pudney, H. G. Wells u. a., beschäftigte sich aber auch mit spektakulären Ereignissen wie der totalen Sonnenfinsternis in England 1927, wo Menschenmassen - darunter Virginia Woolf und Vita Sackville-West - mit Familien und Freunden nach North Yorkshire strömten und das Wort "Finsternis" für einige Zeit Anfang und Ende jedes Gesprächs waren.

 


Verwendete Literatur / Quellen:

J. Howard Woolmer: A Checklist of the Hogarth Press. 1917–1946. Woolmer/Brotherson Ltd., Revere, Pennsylvania 1986

Virginia Woolf: Tagebücher 3, 1925–1930, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999

Joan George: Merchants in Exile: The Armenians in Manchester, England, 1835-1935. Gomidas Institute, 2002

Dorothy Petrie Carew: Many Years, Many Girls. The History of a School 1862-1942. Browne & Nolan, Dublin 1967

Bryher: The Heart to Artemis. A Writer's Memoir. Harcourt, Brace & World, 1962

Vincent O'Sullivan: Long Journey to the Border: A Life of John Mulgan

Bridget Williams Books, 2011

The Correspondence of Northrop Frye and Helen Kemp, 1932-1939: 1936-1939

Robert D. Denham (Ed.): The Correspondence of Northrop Frye and Helen Kemp, 1932-1939. University of Toronto Press, 1996

Jean Moorcroft Wilson: Siegfried Sassoon: The Journey from the Trenches. A Biography (1918-1967). Psychology Press, 2003

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www.lib.uiowa.edu/scua/msc/tomsc850/msc829/blundenedmund.html

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Die exklusive Queenwood School, 1871 in Eastbourne gegründet, war eine Schule, die "Daughters of Gentlemen" auf ihre Rolle in der Haushaltsführung vorbereiten sollte; trotzdem gingen daraus auch Frauen hervor, die nicht dem klassischen Bild entsprachen; einige von Sylva Normans Schulkolleginnen gingen andere Wege: Bryher wurde Schriftstellerin, Mäzenin der Avantgarde und führte ein unkonventionelles Leben mit ihrer großen Liebe, der Schriftstellerin Hilda Doolittle (H. D.), Dorothy Pilley, verheiratet mit dem Literaturwissenschaftler IA Richards, wurde Journalistin und machte sich als Bergsteigerin einen Namen, Martina Hunt wurde eine bekannte internationale Schauspielerin.


Für den von Sylva Norman herausgegebenen  Band "Contemporary Essays 1933" schrieb sie als Einleitung eine beachtenswerte Studie über den modernen Essay. BeiträgerInnen des Bandes waren Adrian Bell, Edmund Blunden, Peter Fleming, Richard Goodman, Graham Greene, Derek Hudson, James Laver, Tangye Lean, Naomi Mitchison, Kate O’Brien, Michael Roberts, Philip Tomlinson.


Sylva Norman - Veröffentlichungen (Auswahl):

Nature has no Tune. Gogarth Press, London 1929

Cat Without Substance. Peter Davies Ltd., London / W.W. Norton & Company, New York 1931

Contemporary Essays - 1933. Edited with an Introduction. Elkin Mathews & Marrow, London, 1933

Gem. mit Edmund Blunden: We’ll Shift our Ground. Or, Two on Tour. Almost a Novel. Cobden-Sanderson, London 1933

After Shelley. The Letters of Thomas Jefferson Hogg to Jane Williams. Edited with a Biographical Introduction. Oxford University Press, London 1934

Introduction to "Elizabeth D’Oyley (Ed.): Essays Past and Present". Edward Arnold, London 1936

"Secrecy and Evelina". In: J. W. Marriott (Ed.): Modern Essays and Sketches. Thomas Nelson and Sons, London 1938

Gem. mit Edmund Blunden, Gavin Rylands de Beer: On Shelley. Oxford University Press, 1938

Flight of the Skylark. The Development of Shelley’s Reputation. Max Reinhart, London / University of Oklahoma Press 1954

Tongues of Angels. A Novel. Secker & Warburg, London 1957

"The Two Selves of Colderidge". In: Texas Quarterly, University of Texas Press, Austin 1964

Twentieth-century theories on Shelley. Texas Studies in Literature and Language, 1967

Introduction to "Richard Houghton: The Life and Letters of John Keats". J. M. Dent, London / E. P. Dutton, New York 1969 (Erstauflage 1906)

Introduction to "Mary Wollstonecraft: Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway and Denmark". Fontwell Centaur P., 1970 (Erstauflage 1796)

 

Journalistische Arbeiten (Auswahl):

"Eclipse Madness". In: Nation & Athenaeum, 9. Juli 1927

"Mr. Wells’s Religion”, Rezension von "The Open Conspiracy". In: Nation and Athenaeum, 11 August 1928

John Dickson Carr’s "The Eight of Swords". In: The Spectator, 13 April 1934

"Camp with the A.T.S.". In: The Spectator, 10 August 1939

Review of: "A. P. Moore-Anderson: Sir Robert Anderson and Lady Agnes Anderson. Times, September 6, 1947

Reviews of: The Peacock by Jon Godden, The Scarlet Sword by H. E. Bates, The Accomplice by John Pudney, A Wreath and a Curse by Donald Wetzel. In. The Spectator, 1 December 1950

"Brothers and Sisters". Review of Daphne du Maurier’s "The Infernal World of Branwell Bronte. In: Times Literary Supplement, 18 November 1960

"The Black Deep of Haworth". Review of Winifred Gerin’s "Branwell Bronte". In: Times Literary Supplement, 28 July 1961